Archiv Tourenberichte

Kilimanjaro - Juli 2006

Kilimanjaro individuell

Vater und Sohn mit Zelt über Machame-Route im Sommer 2006 zum höchsten Gipfel Afrikas in 5895 m

Auf dem Whisky-Trail hoch und runter

von Reiner Brumme + Marcus Brumme

Lage und Historie

Der Berg ist 5895 m hoch, das Massiv 80 km lang und 60 km breit. Es ist ein völlig freistehender Vulkan mit den 3 Gipfeln Shira, Kibo und Mawenzi.

Er liegt vollständig in Tansania ca. 340 km südlich des Äquators, am westlichen Rand des tektonisch auseinander driftenden ostafrikanischen Grabens - in ferner Zukunft wird er direkt am Ostufer eines neuen Meeres liegen.

Kilima Njaro bedeutet Weißer Berg bzw. Schneeberg, Kibo = der Helle, Mawenzi = der Gezackte.

Um 100 n. Chr. schrieb der griechische Astronom und Geograf  Ptolemäus von einem hohen, mit Schnee bedecktem Berg mitten in Afrika.

Etwa 1100 Jahre später berichteten chinesische Handelsreisende von einem solchen Schneeberg.

Am 11.05.1848 erblickte der deutsche Missionar Johannes Rebmann die Schneekuppe auf dem Kilimanjaro und veröffentlichte seine Erlebnisse im Church Missionary Intelligencer 4/1849 in Europa. Rebmann schätzt die Höhe des Kili auf 3800 m.

Das öffentliche Interesse war trotz massiv zweifelnder wissenschaftlicher Gremien geweckt.

1861 und 1862 scheiterte der deutsche Entdecker Baron Carl Claus von der Decken zweimal an der Bergbesteigung - zuerst auf 2500 m offenbar wegen den Schwierigkeiten des damals weglosen Regenwaldes und dann auf ca. 4200 m wegen Schneefall und Kälte.

1885 - 1918 war das Bergmassiv das höchste Gebirge Deutschlands, da in der Kolonie Deutsch-Ostafrika gelegen.

Am 06.10.1889 erfolgte um 10:30 Uhr die Erstbesteigung durch den Leipziger Geografen, Forscher und Verleger Dr. Hans Meyer („Meyer´s Enzyklopädisches Lexikon“) mit dem östereichischen Alpinisten und Bergführer Ludwig Purtscheller - Meyer hisst die deutsche Fahne, benennt den Gipfel nach dem deutschen Kaiser Wilhelm und den Gletscher nach seinem Lehrer Ratzel.

Der Aufstieg entsprach in groben Zügen der heutigen Marangu Route. Die Anreise und der Anmarsch über Einschiffung in Genua und Schiffspassage nach Sansibar waren bereits ab Juni 1889 erfolgt.

Die zwei vorherigen Versuche scheiterten 1887 wegen fehlender technischer Ausrüstung (Pickel, Steigeisen, Seile u. a.) und 1888 wegen Aufstand im Gebiet zwischen der Küste und dem Kili mit Gefangennahme von Meyer und Freilassung erst nach Lösegeldzahlung.

1912 waren Walther Furtwängler und Siegfried König die ersten, die per Ski vom Kibo hinab fuhren.

Am 17.07.1927 ersteigt R. Reusch den später nach ihm benannten Krater.

Die Gipfelspitze hieß von 1889 - 1918 Kaiser-Wilhelm-Spitze, ab 09.12.1962 anlässlich der Unabhängigkeit Tanganyikas dann Uhuru Peak (Freiheitspitze).

Wegen der Historie auch heute noch aktuell zahlreiche deutsche Bezeichnungen wie Hans Meyer Peak (höchste Gipfelspitze des Mawenzi), Reusch Crater, Hans Meyer Cave, Rebmann Glacier, Furtwangler Point, Furtwangler Glacier, Bismark Tower, Johannes Notch, Lörtsher Notch, Oehler Ridge, Kersten Glacier, Decken Glacier, Ratzel Glacier, Heim Glacier.

Der Kilimanjaro Nationalpark wurde 1973 gegründet und 1977 eröffnet.

1987 erfolgte Aufnahme in das Weltnaturerbe der UNESCO.

Einstimmung

In der Kindheit und Jugendzeit im grünen Herzen Deutschlands wurden kürzere und länger werdende Wanderungen durch den Thüringer Wald und das Erzgebirge, später durch und über Tatra, Fatra, Rila, Pirin und Balkan in Eigenregie mit Kraxe und Zelt unternommen.

Der Schnee vom Kilimanjaro mit Jack Londons düsterer Beschreibung lag auf einem mystischen Berg in unerreichbarer Welt.

Nach der deutschen Einheit ging es im weiten Alpenraum höher hinaus. Mit den Kindern wurde der sagenumwobene Olymp in Griechenland bestiegen, der vor der Wende vom bulgarischen Pirin aus trotz Fernsicht weiter weg war als der Mond.

Der zur Besteigung reizende biblische Ararat war zwar schon beim Brigadeeinsatz 1975 in Armenien direkt hinter Jerewan als gewaltiges Bergmassiv bis hoch zum schneebedeckten Gipfel deutlich zu sehen, wegen bürgerkriegsähnlicher Umstände jedoch auch in den 90ern für Bergtouristen gesperrt.

Letztenendes gab ein Reisebericht in der „Welt“ den Anstoß für die Zielauswahl für einen Gipfel oberhalb der Alpenregion - beim Kilimanjaro sollte das Ganze nach der Beschreibung zwar hart, aber machbar sein.

Von Lutz Heinrich aus Oberwiesenthal war dessen Besteigung unter teils dubiosen Umständen aus DDR-Zeiten bekannt.

Zudem reizte die Geschichte als ehemals höchstem deutschen Berg mit deutscher Erstbesteigung. Die Einordnung des Kili als einem der Seven Summits kam hinzu.

Bei der Sichtung dann tiefer gehender Beschreibungen werden je nach Quelle deutlich schwankende Angaben zu Erfolgsquoten für den Gipfel zwischen 20 bis 33 % (britische Angaben), 50 bis 60 % (einheimische tansanische Agenturen) und 80 bis 100 % (deutsche und österreichische Bergtourenveranstalter) je nach Jahreszeit, Wetter und Vorbereitung der Teilnehmer festgestellt.

Die Erfolgsquoten bezogen sich regelmäßig auf den Kraterrand mit Gillmans Point oder Stella Point je nach Route.

Es gibt allerdings auch aktuelle Angaben aus 2008, dass sich 20 % Erfolgsquote für Gillmanns Point nur auf die beziehen, die überhaupt bis zum Kibo Camp gelangt sind.

Mehr oder weniger wurde aus den verschleiernden Angaben eine Erfolgsquote für den Uhuru als höchsten Gipfel zwischen 15 und 30 % deutlich, in der „Welt“ sogar nur 9 %.

Als Haupthindernis neben mangelnder Kondition für die anstrengende Tour wurde die Höhenkrankheit erkannt.

Die Empfehlungen zum Mindestalter für diese Tour schwanken zwischen minder vertretenen 16 und vorwiegend angegebenen 18 Jahren.

Von den beiden Sohnemännern kam damit Marcus mit seinen jugendlichen 19 Jahren in Frage. Der hatte zunächst deutliche Bedenken wegen wild lebenden Tieren im Tourgebiet - die konnten aber mit den detaillierten Beschreibungen ausgeräumt werden.

Auch bei ihm vorhandene Grundkondition mit Beleg unter anderem durch gemeinsame Tour auf dem Jacobsweg über mehrere hundert Kilometer im Heiligen Jahr zwei Jahre vorher in Spanien wurde im Frühjahr mit harten gemeinsamen Touren in der Sächsischen Schweiz und im Erzgebirge ausgebaut und im Sommer in den Alpen vertieft.

Bei der Vorbereitung wurde ebenso klar, dass die Tour wegen den Bestimmungen der Nationalparkverwaltung nicht in Eigenorganisation eventuell nur unter Beauftragung eines einheimischen Führers realisierbar ist -  als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaß-nahme müssen die Besteiger neben Führer auch Hilfsführer, Koch und Träger ordern und bezahlen.

Von der Chemnitzer Kinderärztin meiner beiden Söhne wurde bekannt, dass sie sich zweimal umsonst mit Alpentouren auf die Besteigung des Kili vorbereitet hatte - die vom deutschen Bergreiseveranstalter geforderte Mindestteilnehmerzahl war jeweils nicht zustande gekommen und die Reise nicht durchgeführt worden.

Aus Internetberichten wurde auch klar, dass bei größeren Gruppen eine Art Gruppendynamik zum zu schnellen Gehen verleitet und daneben das Risiko völlig verschiedener Konditionsstärken sowie Höhenanpassungen besteht.

Wir haben uns deshalb für „Kilimanjaro individuell“ als eigene Zwei-Mann-Gruppe entschieden. Selbst eine nur Ein-Mann-Gruppe mit einem Touristen, Führer, Koch und Trägern ist auch buchbar.

Angaben eines deutschen Bergführerbüros wie „technisch unschwer, Kondition erforderlich, Tagesetappen 4 bis 6 Stunden, am Gipfeltag etwas mehr“ konnten zum Glück vor der Tour als gelinde gesagt verharmlosende Untertreibung eingeschätzt werden.

Die Länge der Tour über diese Route beträgt insgesamt 100 km - 62 km bis zum Gipfel und 38 km vom Gipfel zurück.

Das Ganze bitte nicht mit Wanderungen im Mittelgebirgsbereich vergleichen, da es sofort ins Hochgebirge geht - hier werden die Entfernungen üblicherweise in Tagen und in Stunden angegeben.

Dabei schwanken die Stundenangaben deutlich wegen nicht vorhersehbaren Wetterbedingungen wie Regen und Schlamm bzw. Schnee und Eis.

Preludio - dem Ziel entgegen

24./25. Juli 2006

Montag früh bis kurz nach Mittag straffer Kanzleibetrieb. Bereits hier haben wir Malarone zur Prophylaxe gegen Malaria genommen - eine Tablette/Tag, danach auch während der gesamten Tour und über 7 Tage nach Reiseende in gleicher Dosis.

Dann 13:16 Uhr von Chemnitz-Siegmar aus über Leipzig nacheinander in 3 Zügen mit 3 Verspätungen zum Flughafen Frankfurt/Main. Mit der alten Armee-Regel „Immer einen Zug eher!“ haben wir aber den Flieger erreicht.

Von dort um 23:50 Uhr pünktlich, freundlich und sauber mit Ethiopian Airlines nach Addis Abeba. Der Rotwein im Flugzeug trug verschiedene Prädikate von Auszeichnungen der schon lange nicht mehr existenten DDR und der Sowjetunion.

Wegen der Höhenlage der äthiopischen Hauptstadt über 2500 m kein Ohrendruck beim Landen - der Kabinendruck entsprach 2200 Höhenmetern.

Der nächste Flieger ab 10:10 Uhr Richtung Dar es Salam war nach Äquatorüberflug beim Zwischen-Landeanflug zum Kilimanjaro-Airport auf 6000 m direkt neben dem ab halber Höhe wolkenverhüllten Ziel der Träume.

Außentemperatur im Sonnenschein auf dieser Höhe um 12:10 Uhr  sind laut Anzeige vor dem Cockpit -9°C.

Beim geplanten Gipfelsturm in der Nacht vor Sonnenaufgang wird es also noch deutlich ungemütlicher werden.

Winterbergstiefel und Carinthia-Schlafsack mit Komfortbereich bis -27°C sind im 35-l-Tagesrucksack als Handgepäck über den Sitzen, normale Bergstiefel und wetterfeste Kleidung sowieso schon direkt am Mann bzw. unter dem Sitz - die Erfahrung eines Lufthansafluges im Frühjahr nach Rom mit Gepäckverlust beider Passagiere hat vorsichtig gemacht!

Die Flughafenprozedur auf dem Kilimanjaro-Airport nach der Ankunft um 12:40 Uhr (Ortszeit = eine Stunde nach MESZ, in unserem Winter zwei Stunden nach MEZ) ist angenehm friendly, kurz und schmerzlos.

Die Passagiere laufen vom Flugzeug in die Schalterhalle. Bei den wenigen aussteigenden Passagieren und dem wenigen Gepäck fällt mir gleich auf, dass der Seesack von Sohnemann Marcus nicht auf dem Gepäckhänger landet.

Das sofortige Ansprechen einer freundlichen Flughafenmitarbeiterin und deren kurzer Fußweg zum Flugzeug sichern uns auch den zweiten Seesack, obwohl die Ladeluke des Flugzeuges gerade geschlossen wurde. Auffallende Gepäckstücke und Aufmerksamkeit sind also zu empfehlen. 

Für Vater und Sohn zweimal 50,- US-Dollar Visa-Gebühren, Stempel in die Pässe und los geht’s mit zwei polnischen Bergfreunden aus Kielce im schon bereit stehenden Kleinbus von Zara Tours zum Hotel nach Moshi.

Die von anderen Touristen im Flughafen vorgenommenen Geldwechsel in tansanische Schilling haben wir uns verkniffen - es ist auch im Nachhinein betrachtet nicht nötig gewesen, da alle Ausgaben auch in US-Dollar erfolgen konnten und der Tip nach der Bergtour direkt in US-Dollar gezahlt werden soll.

Der Euro hatte sich aber im Unterschied zu den Arabs in Nahost noch nicht als Zahlungsmittel durchgesetzt.

Über die ca. 800 m hoch gelegene karge Ebene mit einzelnen kleinen Hütten und Haustieren sausen an mehreren Stellen schlauchförmige Windhosen bis mehrere hundert Meter hoch.

Plötzlich wird die Kuppe des bis dahin wolkenverhangenen Berges der Berge frei - über 5000 m hoch direkt aus der Ebene bis auf 5895 m ragend. „Matka boska!“ (Mutter Gottes)  bei den beiden Polen, „Oh Gott, verdammt - was tun wir uns da an?!“ bei den beiden Germanen.

Der Berg ragt soweit hinauf, dass selbst mit Weitwinkelstellung des Kamerazooms und Hochkantstellung kein Foto mit Ebene als Vordergrund und Gipfel mit Spitze machbar ist.

Bei der Fahrt durch die gewucherten Randgebiete und dann das Zentrum von Moshi fällt auf, dass Schulen, Kirchen und das Minarett deutlich durch in Schuss gehaltene Bauweise und Sauberkeit hervorstechen.

Die Springlands Lodge am Rande von Moshi liegt hinter hohen Mauern, bewacht von traditionell gewandeten Wächtern mit Lanze und Machete. Die Einfahrt ohne jedes Schild, das überhaupt auf ein Hotel hindeuten könnte - die Öffnung des schweren Tores erfolgte erst nach Wächterblick durch wirklich kleines Türfenster und Erkennen des Fahrers als Befugtem. 14:10 Uhr sind wir drin.

Im Inneren angenehmes Grün, bekieste Wege, freundliche Angestellte, Willkommenstrunk und 4-Bett-Zimmer für 2.

Der Pool lud zwar zum Bade ein, genutzt wurde die heiße Dusche. Seit der Abfahrt in Chemnitz waren über 24 Stunden vergangen.

Am späten Nachmittag kommt ein Bus aus Mombasa mit nordamerikanischen Weißhäuten an - diese selbst und auch ihr Gepäck sind von oben bis unten mit feinem roten Eisenstaub gepudert.

Abends in der Garden Bar Briefing einer international bunt gewürfelten Truppe mit Canadiern, US-Amerikanern, Österreichern, Belgiern, Polen und Dänen. Zusammengefaßt: „Drinking Water and pole, pole“. Also immer viel Wasser trinken und schön langsam. Am Gipfeltag sollte keine Malarone gegen Malaria genommen werden, da  dies Kreislauf und Magen zu sehr belasten würde.

Es ist erstaunlich, welch wohlgenährte Menschen sich den Kili zutrauen. Zuerst hatten wir gedacht, irrtümlich beim Briefing einer Safari-Gruppe gelandet zu sein.

Danach Treff mit Guide Dawson und Assistant Guide Joseph. Diese beiden vom Volk der Chagga mit Koch und 4 Trägern sollen nun eine Woche lang im wahrsten Sinne des Wortes Begleiter für unsere Tour sein - eben Kilimanjaro individuell.

Ob wir dicke Handschuhe, warmen Schlafsack, kältegeeignete Bergschuhe, wasserfeste Kleidung, Stirnlampe mit Ersatzbatterien, Schokolade, Energieriegel haben, fragt Dawson in sauberem Englisch.

Die offenbar aus Erfahrung aufgestellte Checkliste können wir jeweils bejahen. Wir haben alles.

Dawson weist ruhig darauf hin, dass es die nächsten 7 Tage nichts zu kaufen geben wird. Unsere Verpflegung und Wasser wären natürlich gesichert.

Die nächste Frage, ob wir auch Bergwandern können, deutet aus vergangener Erfahrung des Guides Probleme anderer Art mit seinen Berggästen an.

Wir hoffen, mit Oetztaler Runde zwei Wochen vor Tourbeginn und Marmolada-Besteigung 2 Tage vor Tourbeginn jeweils mit Schlafstellen oberhalb 2500 bzw. 3000 m und langen Touren deutlich oberhalb 3000 m genügend und zur rechten Zeit vorbereitet zu sein.

Die Marmolada-Tour an sich war schon Herausforderung. Früh um 03:00 Uhr ab Hohenstein-Ernstthal losgefahren, Mittagessen und Auto parken in Canazei auf 1400 m. Den Weg hoch über die Contrin-Hütte auf 2016 m mit dortiger Pause. Dann der schlauchende Schuttkessel vor der Scharte in der prallen Nachmittagssonne und der Klettersteig am Westgrat - insgesamt 1900 Höhenmeter ab Canazei im Tal auf den Gipfel mit 3343 m in der Abendsonne in einem Ruck. Anstrengung pur.                                                                                                                            

Beide Chagga sind froh, dass wir die Machame-Route nehmen, dabei die 7-Tage-Tour vorhaben und den Abschnitt zwischen Barranco Camp und Barafu Camp in 2 Tagesetappen mit Übernachtung im Karanga Camp teilen wollen. 6 Tage Machame wären sehr hart.  

Für uns überraschend, dass beide nicht wussten, welche Tour mit wieviel Tagen wir gehen wollten - die Tour war schon Wochen vorher gebucht und bezahlt.

Wir hatten uns für die Machame-Route im Zweierzelt entschieden, da hier auch noch während der Tour eine Höhenanpassung wegen drei Tagen im 4000-m-Bereich vor dem Gipfeltag erfolgen kann.

Zudem war die Beschreibung der Maranga-Tour als Hauptroute mit den dortigen engen Hüttenübernachtungen a´ 8 Personen im Doppel übereinander regelrecht abschreckend - der eine muss nachts mehrfach zur Erleichterung raus, der andere phantasiert wegen Höhenanpassungsproblemen und der nächste muss plötzlich „durch den Mund ausatmen“. Das wollten wir uns wirklich nicht antun.

Insgesamt sollen 7 Einheimische für uns Beide tätig werden, worüber wir uns wundern, weil die Agentur selbst nur 6 angegeben hatte.

Joseph wird bis zum Barafu als Träger fungieren und dann am Gipfeltag Assistant Guide sein.

Kurze Abstimmung zum Gepäck für die Träger in Form von Schlafsack, Isomatte, Winterbergstiefel, Ersatzwäsche, Essen, einigen kleinen Vita-Cola-Flaschen, gesalzenen Erdnüssen und Handschuhen - alles verpackt im Seesack.

Zur Messung steht im Hotelinnenhof ein Dreibein mit Waage und Haken. Der Seesack von Sohn Marcus mit weniger als 8 Kilo und der Seesack von Vater Reiner mit 13 Kilo sind jeweils deutlich unter der zugelassenen 15-Kilo-Grenze für jeden Bergfreund.

Auch hier noch mal die Ermahnung: „Viel trinken und pole, pole - schön langsam“.

Treff soll am nächsten Morgen 8:00 Uhr der Innenhof und alles schön wasserdicht in Plastebeuteln auch im Rucksack verpackt sein - der Regenwald wartet schon.

Zur Bergtour selbst nicht benötigtes Gepäck kann im Hotel-Lager während der Tourdauer kostenlos deponiert werden. Wir geben nur Badelatschen, Badehose und Socken ab.

Im Hotel besteht auch die Möglichkeit, fehlende Tour-Utensilien wie Schlafsack, Bergstiefel oder Handschuhe gegen Entgelt auszuleihen - in Moshi kann auch der Versuch des käuflichen Erwerbes gestartet werden.

Ob so ein Schlafsack dann warm genug ist und die Bergstiefel richtig passen und kältegeeignet sind, muss dann jeder selbst klären oder das Risiko in Kauf nehmen.

Bergtag 1 - Machame Gate 1800 m bis Machame Hut 3000 m

26. Juli 2006

11:20 - 15:27 Uhr (offiziell 5 - 7 h für 18 km) Regenwaldgürtel

Früh Bezahlung des Abendessens und des „Kilimanjaro Beer“ im Cashier´s Office.

Die zwei freundlichen Damen rechnen wie in Russland mit Holzschieberkugeln und wollen „Dirty tree“ US-Dollars. Ich wundere mich, was ein dreckiger Baum mit Bezahlung zu tun hat und frage nach. Wieder „Dirty tree“. Nun lasse ich mir das doch aufschreiben - es stellen sich „Thirty three“ und damit 33 US-Dollar heraus. Auch später merken wir am Berg und in der Stadt, dass den Suaheli das „th“ in der Aussprache schwer fällt. Wenn man es einmal weiß, lässt es sich besser übersetzen.

Die Kosten sind mit 4,80 US-Dollar für ein Brathähnchen und gleichhoch auch für ein Beef jeweils als komplettes Gedeck sowie 1,20 US-Dollar für ein 0,5-Liter-Bier bzw. 0,60 US-Dollar für eine Cola, 0,60 - 1,20 US-Dollar für Farb-Ansichtskarten und 12,00 US-Dollar für eine farbige Kilimanjaro-Karte mit nützlichen Höhen- und Stundenangaben sowie Farbzeichnungen der einheimischen Flora moderat.  

Nach dem Frühstück sind wir die ersten abmarschbereiten Hotelgäste mit Rucksäcken und Seesäcken im Hof.

Ein Hotelangestellter kommt durch die Eingangspforte zur Arbeit, sieht Marcus in der Goretex-Bundeswehrtarnjacke mit deutschem Emblem, schlägt die Hacken zusammen, reißt tatsächlich den rechten Arm hoch und schreit Heil H…!

Deutsche Kolonial-Geschichte ist wohl auch noch in Ostafrika verklärt, weil die Briten jahrzehntelang als rigide Kolonialherren empfunden wurden und im Zweiten Weltkrieg Hoffnung auf deutsche „Befreiung“ bestand.

Vergleichbares hatten wir vorher in Nordafrika erlebt.

Der Kleinbus ist wieder pünktlich. Neben Mirek und Janusz aus Kielce sind nun auch Anne-Marie und Maxime aus Montreal mit dabei. Lunchpaket erhalten, Seesäcke in Übersäcke gepackt und aufs Dach, Rucksäcke in den Bus - 08:42 Uhr geht es vorwärts Richtung Berg.

Nach einer knappen Stunde auf geteerter Hauptstraße mit zahlreichen Schwellern zum Zwangs-Langsamfahren fährt`s dann an 3-Etagen-Plantagen mit Erdknollen, darüber wachsendem Kaffee und wiederum darüber wachsenden Bananen vorbei immer höher in Dauerschaukelei über unbefestigte Wege. Der Kleinbus fährt häufig von einem Loch ins nächste. Ältere Freistromleitungen künden von früherem Reichtum der Bewohner.

Statt gemauerter Häuser in der Ebene beherrschen nun Bambus- und Lehmhütten das Bild. An klapprigen Verkaufständen hängen Fleischkeulen und Hühnerkörper frei in der Hitze, Fliegen krabbeln darauf herum.

Bei uns aufkommende Fragen nach dem Woher und dem Zustand der eigenen Verpflegung für die nächsten 7 Tage werden verdrängt.

Plötzlich Trubel am Wegesrand - dutzende Einheimische rund um den Kleinbus bieten Rucksackhüllen, Plastik-Regenüberzüge, Hüte und Lanzen (?!) an. Machame Gate auf 1800 m und damit die Grenze des Kilimanjaro-Nationalparkes sind erreicht.

Zur Beruhigung: Wir haben auf der gesamten Tour am Kili weder ein Raubtier noch Schlangen oder Spinnen gesehen oder gehört.

Das Gate selbst sowie das Gelände dahinter sind fest mit Stahlrohrzaun umwehrt. Ein Ranger mit chinesischer Kalaschnikow sichert die Einfahrt.

Gepäck aus dem Bus und vom Busdach fassen, der freundlichen Begleiterin von Zara Tours hinterher, Guide Dawson sehen und warten.

Einer nach dem anderen muss sich fein säuberlich in das Registrierungsbuch der Nationalparkverwaltung eintragen. Name, Vorname, Pass-Nummer, Nationalität, welche Tour, wieviel Tage, welche Agentur, Guide-Name, Permit-Nummer, Unterschrift.

Das dauert wirklich. Mit den beiden Polen frotzeln wir, ob sie auch dem Namen der Route entsprechend Whisky für den Gipfeltrunk einstecken haben.

Eine Holztafel gibt die Entfernungen der verschiedenen Etappen der Route über die Machame-Route hoch bis zum Uhuru Peak und runter über die Mweka-Route in Stunden an - dieses geeignete Objekt wird als Startfoto zuerst von uns und dann anderen Touris auserkoren. 

Aus Erfahrung der absolvierten Tour bei guten Wetterbedingungen ohne Regen und ohne Schneefall während der Tourtage - die Gehzeiten sind bis auf die des ersten Tages deutlich zu kurz angegeben. Eventuell wurden notwendige Pausen nicht eingerechnet.

Das auf dem Gelände befindliche WC wird vorsorglich genutzt - es ist für die nächsten 7 Tage das letzte.

Zwischendurch fragen wir bei anderen Weißhäutigen an, warum sie mit Gamaschen, Pullover, Weste und dicker Jacke bereit stehen - es fehlen wirklich nur noch die Steigeisen, dann wären sie für die Besteigung der 3774 m hohen Wildspitze in Tiroler Eis und Schnee bereit.

Es sind Belgier und es würde ja heute schon in die gewaltige Höhe von 3000 m gehen. Mein Hinweis auf die zu erwartende nasse Schwüle eben im Regenwald und die selbst getragenen Shorts mit kurzärmligem T-Shirt sorgt zumindest für Nachdenklichkeit.

Immer wieder ziehen Gruppen von Bergfreunden los - das Gelände leert sich.

Endlich erscheint Dawson wieder, teilt uns den Träger Muhammed als heutigen Begleiter zu und meint, er müsse nun noch Träger aussuchen und beauftragen, mit diesen auch noch Lebensmittel kaufen und packen. Wir sollten schon mal losziehen.

Nun ja - für uns geht`s fast als letzte Touristen um 11:20 Uhr mit im leichten Tagesrucksack wasserdicht eingepacktem Biwak-Sack, regendichter Oberbekleidung, Essen und Trinken inklusive gefüllter Thermosflasche für die Tagestour, Fotoapparat und Notfallpaket auch mit verschiedenen Tabletten gegen Malaria, Darmbeschwerden, Kopfschmerzen los.

Der Weg ist die erste halbe Stunde ca. 3 m breit und ersichtlich von 4x4 Allrad der Ranger befahren. Feucht, teilweise schmierig, aber nicht schlammig.

Das ändert sich. Aus dem an deutlicheren Geländesteigungen mit Querhölzern befestigten Weg wird ein bis 1 m schmaler Pfad. Wurzeln und nun doch Schlammlöcher sind zu übersteigen oder zu umgehen.

Schon in der ersten Stunde lernen wir den Gruß der Einheimischen „Jambo“ als Begegnungsritual kennen. 

Obwohl wir wirklich pole, pole gehen, überholen wir laufend andere Bleichgesichter, die sich mit hochroten Köpfen nach und nach ihrer vielen Sachen entledigen und völlig durchgeschwitzt sind. Die vielen überflüssigen Pullover, Westen und Jacken „dürfen“ sie nun selbst tragen.

Allerdings werden auch wir laufend überholt - schwarze Träger (Porter) sausen mit allem möglichem Gepäck vom erkennbaren Zeltgestänge über Klapptische und -hocker bis hin zum im Plastesack gesicherten Seesäcken oder Rucksäcken an uns vorbei. Regelmäßig in Kopf-Arbeit, Gepäck als Haarschmuck.

Anerkennend und scherzhaft gemeint dabei der Spruch: „Die Schwarzarbeit blüht“.

Nach zwei Stunden mäßig ansteigendem Weg dann bei ca. 2300 m Höhe Pause an einer kleinen schmalen Lichtung. Wahrlich ein hölzernes Toilettenhäuschen am Rand. Einfachste Bergausführung: Dach, 3 ½ Wände, 2 Holz-Tritte zum Draufstellen und Hinhocken, Rechteck-Loch mit Holzstempel-“Verschluss“. Diese Zierden der Zivilisation steht von nun an bei jedem Camp in wirklich genügender Zahl herum. Einige Touris müssen aber wohl auch nach mehreren Tagen noch zielen lernen.

Vorsorglich prüfende Blicke und aufgestellte Lauscher können auch hier kein wildes Getier wahrnehmen. In den Bäumen kreischen keine Affen und singt nicht ein einziger Vogel. Allerdings prüfen wir sicherheitshalber auch, ob der zum Setzen einladende gestürzte Baumstamm insektenfrei ist. Beißende Ameisen mit folgender Infektion gleich am ersten Tag können wir wirklich nicht gebrauchen.

Das Lunch-Paket jedenfalls ist wieder eine positive Überraschung. Die Hühnchenschenkel, Minibanane, Soft-Drink, Ei, semmelähnliches Gebäck und Schokolade sind mehr als ausreichend und schmackhaft.

Der Pfad wird nun steiler und noch schmaler, die Wurzeln mehr, die Schlammlöcher ausgedehnter, die Kleidung klamm - doch im Regenwald kommt keiner der gefürchteten Güsse von oben.

Im Juli/August ist eben die große Trockenzeit, die Regenwahrscheinlichkeit liegt nur bei 50:50.

Nach insgesamt 4 Stunden im neblig-wolkig-trübem Regenwald wird es lichter und heller, Erika-Bäume mit Fädenvorhängen wie im Geisterschloß tauchen auf.

Plötzlich sind wir an zwei grünen runden Blechhütten mit mehrere Meter langer Stab-Funkantenne und grinsendem Ranger mit Buch in der Hand.

In Stein gehauene und gesetzte messingfarbene Lettern verkünden „Machame Hut 3000 m AMSL“.

Wir wundern uns, da wir trotz Pole-Pole-Gang deutlich weniger Zeit als angekündigt gebraucht haben.

Die Höhendifferenz und Streckenführung entspricht ungefähr dem Abschnitt zwischen dem im Oetztal gelegenen österreichischen Bergdorf Vent auf 1900 m über die Martin-Busch-Hütte auf die Similaun-Hütte in 3019 m an der österreichisch-italienischen Grenze bei einer Transalp-Tour. Der Untergrund ist dort allerdings felsig fest.

Wieder registrieren. Vor uns stehen bei den Tageseinträgen nur vier andere Sachsen aus Penig/Chemnitz - der erste und der letzte Kontakt überhaupt, weil weder vorher noch hinterher gesehen oder von ihnen in den Büchern der anderen folgenden Camps gelesen. Sie sind sehr wahrscheinlich schon nach dem ersten Tag wieder abgestiegen.

Die Guides und Porter tragen sich in ein Extrabuch ein.

Interessanterweise wird das Gepäck der Porter auch hier gewogen, das Ganze soll vor Überfrachtung schützen und gleichzeitig zu einer Art Leistungslohn führen.

Die beiden Canadier kommen nach uns. Maxime versucht sich wieder vergeblich an seinem GPS - it doesnt work. Ich schieb`s auf die dick-trüben Wolken, die immer noch 5 bis 6 m hohen dicht stehenden Bäume, den erkennbar steil ansteigenden felsigen Berghang und vertröste ihn auf freie Sicht oberhalb des Regenwaldes und oberhalb der Wolken am morgigen Tag. Zivile GPS brauchen drei Satelliten im Sichtbereich - in engen Tälern oder bei natürlichen  Hindernissen wie Felsriegeln funktionieren sie nicht. In militärpolitisch brisanten Zeiten wie der mehrmonatigen Vorbereitung und dann mehrwöchigen Durchführung des zweiten Irak-Krieges sind die zivilen GPS wegen von den Amis dann eingebauten Fehldaten nicht nutzbar.

Müde weiße Wandergesellen tauchen schlammbespritzt bis zum Knie und andere mit Schlamm nur am Fußsohlenrand auf - wegen der Anstrengung stapften offensichtlich einige offenbar zwecks Vermeidung von Umwegen durch Schlammlöcher und nicht drum herum. 

Nach einigem Warten und Suche durch Muhammed finden wir auch das uns zugedachte 2-Mann-Zelt direkt neben dem Pfad an einer gerodeten kleinen Fläche. Marcus holt sofort seine Deutschlandflagge heraus und befestigt sie in einer Öse des Zeltes.

Das daneben stehende Zelt wird nun auch durch den Schmuck mit der Ahornflagge als Unterkunft der Canadier erkennbar. Salzburger Bergspechte schmücken ihr Zelt mit der Flagge der Alpenrepublik. 

Guide, Assistant Guide, Cook and Porter nutzen die Zelte gegenüber auf der anderen Pfad-Seite.

Unser Zelt selbst ist als Kuppel mit Innen- und mit Außenzelt gebaut - es blieb die ganze Tour über von außen wasserdicht.

Zu unserer Überraschung wird nach unserem Rundgang durch das Camp ein weiteres Zelt aufgebaut, Klapptisch reingeschoben und Klapphocker hineingestellt. Unser Speisezelt - kurze Zeit später von Tee-, Popcorn-, Suppen- und Reisgerüchen gefüllt.

Muhammed grüßt nun mit „Karibu“ (offiziell: Karabuni), was „Willkommen“ heißt und hier als Einladung zum Essen zu verstehen ist - die Wortgleichheit mit nordamerikanischen Rentieren ist Zufall. Wir sagen „Asante“ (Danke) und lassen es uns munden. Muhammed fungiert für uns unter launig-bissigen Bemerkungen seiner Kollegen als „Zeltdiener“.

Der Koch arbeitet offenbar auch für die beiden Canadier, die Träger teilen die Lasten beider Zweier-Gruppen unter sich auf.

Wegen den Zweier-Zelten für die Touristen und den Mehrpersonen-Zelten für die Guides and Porters auf dem schmalen Bergrücken zieht sich das Zelt-Camp mehrere hundert Meter links und rechts entlang des Pfades.

Die am Anfang völlig überdimensioniert angezogen gewesenen und schnell losgestiefelten Bergfreunde tauchen erst über eine Stunde nach uns aus dem Wolkennebel auf.

Die vier Salzburger machen zwecks besserer Höhenanpassung noch einen Trip ohne Gepäck nach oben. Außer weiteren dicht aufliegenden Wolken mit 20 bis 30 m Sicht sehen sie aber auch dort nichts.

Wir schauen inzwischen im Registrierungsbuch nach - an diesem Tag sind mit unseren eigenen insgesamt 22 Touristeneintragungen zu zählen. Ende Juli auf der Machame-Route als einer Alternativroute neben der Marangu-Hauptroute sind das viel - im Jahr 2002 als dem Jahr mit den letzten vorher veröffentlichten Daten waren im Monat Juli insgesamt auf allen sechs Routen 944, also pro Tag 28 Touristen unterwegs.

Im Hauptmonat August 2002 dann aber insgesamt 5.180, was 167 pro Tag entspricht. Über das gesamte Jahr 2002 hinweg besuchten 14.843 Touristen den Kilimanjaro-Nationalpark, davon 1.604 aus Deutschland.

Die meisten steigen nach wie vor über die Marangu-Route (Coca-Cola-Route) als Hauptroute mit Hüttenübernachtungen auf - wegen der Hüttenkapazität ist die Touristenzahl dort auf 50 pro Tag limitiert. Nur für den Gipfelsturm kommen hier die Besteiger über die Rongai-Route auch zur Kibo Hut - sie schlafen dann allerdings neben den Hütten in ihren eigenen Zelten.

Wir amüsieren uns mit Dawson, dass uns sein Vorname bisher als Name einer Goldgräberstadt am nordamerikanischen Yukon und ein Karibu als nordamerikanisches Rentier bekannt waren - man lernt immer noch dazu.

Dawson erklärt auf unsere Frage nach seiner Suche von Trägern erst nach der Ankunft am Machame Gate, er müsse als Guide immer verschiedene Träger beauftragen. Damit soll die Arbeit und somit die Einkünfte auf verschiedene Familien im Dorf verteilt werden. Andernfalls würde er deutliche „Schwierigkeiten“ bekommen.

Die Auswahl kann er auch nur am ersten Tag unmittelbar zum Tourbeginn vornehmen, weil er vorher nicht weiß, wer von den in Frage kommenden Dorfbewohnern zu einer Tour als Träger frei, dazu in der Lage und auch Willens ist.

Den ganzen Tag über hatten wir wegen dem ständigen Gehen in Wolken maximal 100 m Sicht. Gegen 18:00 Uhr wird es nachtdunkel.

In der Nacht wird uns trotz Zeltschlafstelle in der Höhenlage oberhalb der Zugspitze in den für tiefere Temperaturen ausgelegten Schlafsäcken warm. Am Ende liege ich nur noch mit Slip und T-Shirt im Schlafsack.

Das Palaver der Guides and Porters geht fast die ganze Nacht hindurch.

Weder am Tag noch in der Nacht haben wir auch nur einzige Mücke gesehen oder gehört - das blieb auch bis zum Abschluss der Tour so.

Der Weg und später der Pfad sind unschwer und normal zu begehen - ein Freihauen des Weges mit Machete durch wuchernde Urwaldpflanzen des Regenwaldes ist nicht nötig.

Den ersten Tag haben wir also locker absolviert, da wir uns unmittelbar vor der Tour mit wesentlich mehr Gepäck und über größere Höhendifferenzen auf vergleichbarer Höhenlage nicht nur wandernd, sondern auch klettersteigend in den Alpen bewegt hatten.

Die Erfahrung schon des ersten Tages zeigt, dass viele Bergtouristen einfach auf den Charakter dieses Tages als Tour durch die Regenwaldzone nicht genügend vorbereitet waren. Sie hatten schlichtweg viel zu viel an und rannten viel zu schnell los.

Wegen der bekannten Besonderheit dieses Tages sollten also eher wirklich regendichte Kleidung einschließlich tatsächlicher abdeckender Kapuze unmittelbar griffbereit und mindestens die eigenen Reisedokumente einschließlich Rückflugtickets sowie der Fotoapparat echt wasserdicht verpackt sein.

Bergtag 2 - Machame Hut 3000 m bis Shira Camp 3.840 m

27. Juli 2006

08:16 - 12:50 Uhr (offiziell 4 - 7 h für 9 km) Heide- und Grasland

Am nächsten Morgen laufen unter deutlich hörbarem Drängeln von Touristen, nicht von Guides, schon einige los, als wir gerade gegen 6:30 Uhr aufstehen.

Ein tägliches Wecken um 06:00 Uhr, wie von Dippelreither mehrfach frustriert beschrieben, haben wir an keinem Tag erlebt.

Das ganze Gelände ist feucht und klamm. Heute müssen wir wirklich zumindest leichte Bergkleidung anziehen.

Vor dem Anziehen der Schuhe werden diese vor dem Zelt vorsorglich ausgeklopft und mit in der Hülle steckendem Messer auf unliebsame Bewohner kontrolliert. Das machen wir auch später vor jedem Anziehen der Schuhe. Vor dem Zelt deshalb, damit ein eventuell im Schuh nächtigendes Getier sich nicht irgendwo im Zelt oder Schlafsack verkriecht oder wegen der Enge im Zelt nach dem Herausschütteln aus dem Schuh dann doch noch in den nackten oder nur von Socken geschützten Fuß beißt.

Muhdi, wie Muhammed von seinen Kollegen gerufen wird, bringt warmes Wasser zum Zähne putzen und Hände waschen.

Frühstück im Zelt mit Rührei, offenbar über Gas-Kocher geröstetem Weißbrot, kleinen Würstchen, Margarine aus dem großen Topf, Papayas, Minibananen, Tee und allerlei Energie-Pülverchen fürs Einrühren ins heiße Wasser.

Der Pfad geht sofort steil hoch, zum Teil unter und dann mehr neben gespenstischen Erika-Bäumen mit meterlangen Pflanzenfäden.  Der Untergrund wird felsig fest.                                                                                                      

Anstelle der Erika-Bäume treten heidekrautartige Büsche, Flachgewächse und dann nur noch Gräser, Moose und Flechten.

Zum ersten Mal müssen an einer Felsrippe die Hände zur Fortbewegung als Sicherungsmittel eingesetzt werden.

Nach 3 ¼ Stunde auf 3.687 m Pause auf und in einer Felsengruppe. Dawson fragt uns mal wieder, ob es uns gut geht. Ja. Der Koch soll bei uns aber auf das salzige Popcorn verzichten und lieber das Rührei salzen und würzen.

Hier begegnen uns zum ersten Mal sehr große schwarze Vögel mit weißer Halskrause - mindestens doppelt so groß wie unsere einheimischen Nebelkrähen.

Die nächsten zwei Tage künden diese von einer Raststelle bzw. dem Camp. Die Viehcher schlucken sogar vom Wind fortgerissene Plastik der Lunch-Verpackung.

Obwohl wegen Gehens in den Wolken laufend nur 20 bis 100 m Sicht sind, ist die selbsttönende Brille von Marcus fast schwarz - die UV-Strahlung also der Höhe entsprechend stark, von den Wolken nur minimal geschluckt.

Also selber Sonnenbrille auf die Nase, vorsorglich Lippen, Nase, Ohren und Kinn mit Sun-Blocker-Stift Lichtschutzfaktor 60 eingefettet.

Nach der Pause werden die Wolken heller, mittags sind wir dann durch die Wolkenschicht und drüber.

 

Wir sehen nun zum ersten Mal rechter Hand den Kibo in der gesamten Süd-Ausdehnung von den Haifischzähnen über die Oehler Ridge, den Arrow Gletscher  und den Uhuru Peak bis zum Heim-Gletscher.

Und sind trotz Eigenhöhe von 3900 m immer noch 2000 m unter dem ersehnten Gipfel.

Links ragt in über 60 km Entfernung der Mount Meru mit dem Socialist Peak (4566 m) aus den Wolken - Gipfelbezeichnung und Rangerbewaffnung sind noch aus Zeiten der Freundschaft zwischen dem ehemaligen tansanischen Präsidenten Nyerere und dem ehemaligen großen Führer Mao Tse Tung stammend, als Tansania Land sozialistischer Orientierung mit chinesischer Hilfeleistung war.

Bis zu 50.000 Chinesen waren und sind zum Teil noch in Projekten der Infrastruktur und des Bergbaus tätig - die Chinesen betreiben strategische Beziehungen auch zur eigenen langfristigen Rohstoffsicherung und brauchen dafür keinen einzigen Soldaten im Ausland.

 

 

Fast in Gehrichtung halb links voraus tauchen die Zacken der Shira-Gipfel mit 3962 m Höhe auf. Das war bis zu einer Vulkanexplosion vor ca. 500.000 Jahren der höchste der drei Kilimanjaro-Gipfel Shira, Kibo und Mawenzi. Der Kibo hat sich danach in die Höhe entwickelt. Der Mawenzi ist für uns heute noch nicht zu sehen.

Der Weg führt kurz bergab. Im Shira Camp auf 3840 m erwartet uns wieder ein Ranger mit Registrierungsbuch in der Hand - wegen dem herrlichen Wetter oberhalb der Wolkenschicht haben wir uns wechselseitig schon hunderte Meter vorher gesehen.

Die Zelte sind über eine flach absenkende Fläche mit leichten Felsabstürzen und zelt- bis hausgroßen Felsen weit verteilt.

Dawson hat diesmal wunschgemäß die Trägerzelte weiter weg aufstellen lassen, damit uns das nächtliche Palaver nicht stört.

Marcus schreibt neben den zum Lüften und Trocknen auf Felsen geöffnet ausgebreiteten Schlafsäcken sein Tagebuch, für mich lädt das herrliche Wetter nach ausgiebigem Eincremen zum Sonnenbad auf der Iso-Matte ein.

Einige der Guides und Porters telefonieren mit ihren Handy`s - unsere beiden haben ebenfalls das einheimische Netz, aber offenbar kein Rooming-Abkommen mit Vodafon bzw. E-plus.  Die Telefoniererei der Einheimischen war übrigens fast dem gesamten Trail über festzustellen, außer im Barafu Camp und auf dem Gipfel selbst.

 

Tag zwei der Tour verlief problemlos - ein gleichhoher Aufstieg in gleicher Höhenlage von der Breslauer Hütte in 2848 m auf die Wildspitze in 3774 m ist deutlich anstrengender.

Die zunehmende trockene Wärme in der dünner werdenden und dann aufreißenden Wolkenschicht sowie der einfache Wegcharakter verleiten zu einem sehr zügigen Wanderstil, der der Höhenlage von knapp unterhalb 4000 m nicht unbedingt angepasst ist.

Die Motivation, nach dem Aufreißen der Wolkenschicht in der Ferne sichtbare andere Bergtouristen einzuholen, verführt zu ausholenden Schritten. Das Ganze auch deshalb, da das Tagesziel heute in Form des Shira Camps wegen seiner Lage hinter einer Bergkuppe abwärts erst die letzten Minuten sichtbar wird - irgendwann will man ja auch ankommen und beschleunigt die Schritte, weil im Unterschied zum vorangegangenen Tag die angegebene Mindest-Wegzeit schon überschritten war.

Dawson erzählt, dass er von seinen 46 Lenzen 14 als Guide gearbeitet hat. Vorher war er Porter und dann Assistant Guide - er hat sich also im wahrsten Sinne des Wortes laufend nach oben gearbeitet.

Wir fragen Dawson nach den Windhosen in der Hochebene zwischen dem Kilimanjaro Airport und Moshi. Er gibt uns an, dass die zu dieser Zeit normal wären und auch stärker werden können. Teilweise würden Hütten und Haustiere in der Größe bis zum Büffel in die Höhe geschleudert.

Bei der Vorbereitung des Abendessens sehen wir, wie der Koch das Rührei mit bloßen Fingern umrührt - anderen Touris in der Nachbarschaft vergeht dadurch in Kenntnis der auch anderweitigen Handnutzung gelinde gesagt der Appetit.

Wer hier etwas zu penibel ist und sich auf den Verzehr von Müsli-Riegeln und Schokolade beschränken will, dürfte allerdings Konditionsprobleme wegen unzureichendem Essen ohne Ballaststoffe bekommen und den Gipfel als Tourziel vergessen. Auf solche Bedingungen muss sich vorher moralisch eingestellt werden.

Abends sehen wir über der tief unten liegenden Ebene Gewitter, die Wolken und Blitze sind zum Glück unter uns.  

Nachts wird es nicht nur stockdunkel, sondern plötzlich hochziehende Wolken mit äußerst dicht im Raum schwebenden Eiskristallen und Frost führen dazu, dass die Sichtweite unter 1 m beträgt und ich für den Gang vom Häuschen zurück zum Zelt über 30 m trotz Stirnlampe mehr als 5 Minuten brauche. Zuerst war ich direkt vor dem 5 m von uns entfernt aufgebauten Zelt der beiden Canadier gelandet.

Vorheriges genaues Einprägen der Lage des eigenen Zeltes und von Orientierungspunkten in unmittelbarer Nähe waren ebenso hilfreich wie das Aufsetzen der Stirnlampe, obwohl beim Losgehen wegen der klaren Nacht unter strahlenden Sternen eigentlich keine nötig gewesen wäre.

Bergtag 3 - Shira Camp 3840 m über Lava Tower 4560 m bis Barranco Camp 3960 m

28. Juli 2006

08:32 - 14:30 Uhr (offiziell 5 - 7 h für 15 km) Felswüste

Heute geht`s bis zur Mittagspause ständig bergauf, zwischen rein-schwarzen Lavasteinen hindurch. Der Wind pfeift heftig. Ödnis pur. Viele ziehen Handschuhe an.

Geologisch interessierten Besteigern ist anzuraten, die schwarzen Lavasteine hier zu beproben und Handstücke einzupacken - im weiteren Wegverlauf gibt es dann keine mehr.

Die Farbflecken der Porter und der Touris sind weit zu sehen - dadurch ist der Wegverlauf deutlich erkennbar, obwohl Wolken die ganz weite Sicht versperren.

Wiederholt sitzen einheimische Träger erschöpft am Wegesrand. Einigen wird deutlich mangelnde Kondition angesehen - einzelne rauchen auch noch Zigarette.

Unter Hinweis auf die wieder fast schwarze Selbsttönungsbrille von Marcus und die 4560 m laut Höhenmesser raten wir den barhäuptig nach uns kommenden Polen, lieber doch Mütze und Sonnenbrille aufzusetzen.

Das Risiko von Kopfschmerzen wegen der Überanstrengung der Augen bei gleichzeitig gegen den kalten Wind und die Strahlung ungeschütztem Kopf „leuchtet ein“.

Mit Maxime tauschen wir die Werte unseres Höhenmessers und seines GPS aus. Er kannte bisher die Missweisung von ca. 51 Höhenmetern bei zivilen GPS nicht, die die Amis angeben, damit ihr Militärsystem nur für sie selbst genau funktioniert. Modernste handelsübliche GPS gleichen diese Missweisung geräteintern aus.

Der Tag lässt heute bei einigen Bergfreunden nicht nur Konditionsprobleme, sondern auch Symptome der Höhenkrankheit deutlich werden.

Zur Mittagspause am Abzweig Lava Tower auf 4500 m kommt plötzlich ein Guide mit einem Rucksack vorn und einem Rucksack hinten zwischen den Felsen hervor. Sein im Gesicht aschfahler Tourist ist offensichtlich erschöpft und höhenkrank.

Unser Guide hat allerdings auch glänzende Augen und verschwindet mehrfach hinter Felsen. Ich gebe ihm vorsorglich Aspirin zum Schlucken. Marcus wird plötzlich rotgesichtig und wankt.

Die Mittagspause wird lieber etwas länger gehalten. Guide Dawson erklärt, dass der überhaupt und daneben auch am Gipfeltag beim Aufstieg kürzere Weg über den Arrow-Gletscher und Western Breach seit 2 Jahren gesperrt ist, nachdem dort zwei US-Amerikaner an den Kletterstellen im Schwierigkeitsgrad III tödlich abgestürzt sind.

Die Höhenlage von rund 4500 m ist für alle hier rastenden Bergtouristen bisher überhaupt erreichter Höhenrekord.

Nach dem Abzweig Lava Tower geht`s noch ein Stück bergan, der Lava Tower selbst bleibt nach fast rechtwinklig rechts abbiegendem Pfadverlauf in der nun sonnenüberströmten Hochfläche links liegen.

Der Weg geht dann sehr steil bergab. Marcusmann wird etwas übermütig und fängt trotz meiner Warnung an zu springen. Das Ergebnis dieser Aktion über ca. 200 Höhenmeter nach unten ist die Notwendigkeit einer nächsten Pause auf 4300 m.

Mit übermäßigen Anstrengungen in dieser Höhe ist eben nicht zu spaßen - der Lava Tower liegt höher als das Matterhorn mit seinen 4476 m.

Weiter geht`s über eine kilometerlange leicht wellige Hochebene zwischen 4200 und 4000 m. Der Kibo mit dem Uhuru Peak rücken links immer näher.

Am Rand der Hochebene dann linker Hand der tiefe Einschnitt in das Barranco-Tal. Entlang des Bachtales und auch neben dem vielfach geschlungenen Pfad nach unten sind riesige Ansammlungen von Senecien (bis 5 m hohe Kreuzblütergewächse) zu sehen, die uns einzeln oder in Gruppen durch das immer wärmer werdende Tal bis zum Barranco Camp begleiten.

Das Barranco Camp auf 3960 m selbst ist wieder weitflächig und beginnt deutlich, bevor man die viel weiter unten rechts stehenden zwei runden Blechhütten der Ranger sieht. Die letzten Zelte talwärts stehen immer noch deutlich oberhalb und links neben den Blechhütten.

Weiter in Gehrichtung des morgigen Tages ist eine fast senkrecht aufragende schwarze Wand mehr zu ahnen als in dem milchigem Wolken-Sonnen-Gemisch zu sehen - im Trägerjargon „breakfast“ genannt, weil die erste Aufgabe des nächsten Tages sofort nach Abmarsch auf diese ca. 200 m hohe östliche Schulter des Barranco valleys führt.

Die Schulter ist als Ergebnis vulkanischer Aktivität entstanden, als ein Teil des Kibo-Felshangs talwärts abging und sich als Schutthalde nach unten schob.

Wieder Sonnenbaden, Karte studieren bzw. Tagebuch schreiben. Für uns ist das Barranco das Gegenteil des mehrfach als kalt und furchteinflößend beschriebenen Tals.

Mit dem Guide und den Portern wird über die Schwierigkeit der Breakfast-Wand gesprochen. Man soll zwar die Hände brauchen, aber ca. 1 ½ bis 2 Stunden nach Abmarsch soll diese Stufe geschafft sein. Dann würden es nur noch im leichten Auf und Ab ca. 3 Stunden bis ins Karanga Camp sein.

Im Barranco Camp treffen wir erstmals eine neue Gruppe von 8 Männlein und Weiblein - es sind Schotten mit Highland-Erfahrung. Die Berge dort sind zwar auch Dreitausender, aber nur in Fuß gemessen.

Sie haben auf dem von ihnen benutzten Umbwe Trail vom Beginn bis hierher nur zwei Tage statt unserer drei gebraucht.

Ihr erkennbares Betrübnis ist dadurch bedingt, weil sie diese zwei Tage im Dauerregen hoch gehen mussten. Die Südwest-Routen sind regenreicher als die südöstliche Marangu-Hauptroute und auch als die nördliche Rongai-Route.

Mit Österreichern, Engländern und den beiden Polen disputieren wir noch über den weiteren Weg, weil diese morgen nicht nur bis zum Karanga Camp, sondern weiter bis zum Barafu Camp gehen wollen.

Wir meinen, daß die offiziell dann 7 bis 12 Stunden für diese Tour je nach Wetter und Kondition zu einem Tourentag bis in die Dämmerung oder gar in die Dunkelheit nach 18:00 Uhr unter Anstrengungen führen.

In der gleichen Nacht wäre dann wahrscheinlich 23:00 Uhr spätestes Wecken und 24:00 Uhr Abmarsch für die mehr als 12 bis 15 Stunden reine Gehzeit des Gipfeltages.

Praktisch sind dann unter Abzug von Abendessen also wahrscheinlich nur 2 bis 3 Stunden Ruhephase vor dem anstrengendsten Gipfeltag.

Sie sollen also morgen lieber ganz zeitig losgehen und es locker angehen lassen.

Einmal unterwegs, lässt sich die Tour wegen Zeit- und Lebensmittel-Organisation nicht mehr verlängern.

Bei Höhenkrankheit nach Abstieg in ein tiefer gelegenes Camp einen Tag Erholung einzulegen, würde zwei zusätzliche Tage auf Tour bedeuten - das ist am Kili in einer Gruppe nicht machbar. Das Permit würde das auch nicht erlauben.

Die Orientierungen der Tropeninstitute bei Höhenkrankheit sind gut gemeint und bei üblicher vorheriger Einplanung von zwei Reservetagen wie am Elbrus auch sicher realisierbar - am Kili müssten dafür von vornherein das Permit für die längere Zeit beantragt und genehmigt werden sowie die ganze Truppe mit Guide, Cook and Porters für die längere Zeit gebunden, mit Lebensmitteln ausgestattet, bezahlt und mit höherem Trinkgeld (Tip) gewonnen werden.

Die nach hinten nach der Tour dann auch notwendigen Reservetage wegen der Buchung der Hotelübernachtung und der Safari sowie dem Heimflug kommen als zu lösende Aufgaben hinzu. Mindestens in der Hauptsaison August müsste daher das Hotelzimmer auch für die Reservetage bei Nichtnutzung vorher voll bezahlt werden.

Angesichts dieser Aufgaben erscheint eine Akklimatisierung unmittelbar vor der Kilitour in den Alpen sinnvoller.

Für uns jedenfalls ist am Ende des Tages drei klar, dass die vorherigen Warnungen verschiedener Berichtsschreiber und auch auf der Kilimanjaro-Karte wegen deutlich auftretenden Anzeichen der Höhenkrankheit an diesem Tag durch Höhenlage des Tourverlaufes bis auf knapp 4600 m begründet sind.

Für nicht wenige wird an diesem Tag deutlich, dass sie sich in völlig ungewohnten Höhen bewegen und echte körperliche Probleme haben.

Eine Vorahnung für die zu erwartenden Strapazen am Gipfeltag mit Start auf 4600 m und den folgenden steilen Anstieg 1300 m höher auf dann 5895 m erfasst die Gemüter.

Der einfache Wegverlauf auch an diesem Tag sollte in zurückhaltender Gangweise beschritten werden. Bitte keine Rennerei, wenn an diesem Tag wegen Gehens oberhalb der Wolkenschicht Touristen und Träger weit sichtbar sind - der Jagdinstinkt sollte gezügelt werden.

Bergtag 4 - Barranco Camp 3960 m bis Karanga Camp 4005 m

29. Juli 2006

09:32 - 13:15 Uhr (offiziell 3 - 6 h für 7,5 km) Felswüste

Morgens stehen wir wieder einmal ziemlich spät auf. Ganze Zeltgruppen sind schon abgebaut, die neben uns gelagert habenden österreichischen Bergspechte schon unterwegs.

Zwecks Anpassung der Füße und auch der Schuhe ziehen wir ab heute die Winterbergstiefel mit herausnehmbarem Innenschuh an, die normalen Bergstiefel wandern in den Seesack.

Wir gehen als letzte Bleichgesichter los. Nach 5 Minuten über die Campfläche markieren eine Höhle und ein zu überquerender Bach den Beginn des Breakfast-Walls. Hier heißt es nun wirklich aufgepaßt und rangeklotzt. Die Hände sind immer wieder als Stütze und bergseitige Sicherung im Einsatz.

Das Ganze ist aber ohne technische Schwierigkeiten, bis wir um 10:50 Uhr nach  knapp  1 ½ Stunden ab Zelt auf dem Wall oben in 4184 m Höhe stehen und inmitten von Belgiern, kalifornischen Japanern und Schotten sowie dichten Wolken Pause machen.

Den kalifornischen Japanern raten wir wiederholt, das ständige Hinsetzen auf Felsen und dann abruptes Aufstehen wegen unnötiger Kreislaufbelastung mit Kollapsrisiko lieber sein zu lassen.

Den Belgiern und Schotten merken wir an, dass sie sich ärgern, weil wir nach so kurzer Zeit wieder auf sie aufgeschlossen haben. Beide Gruppen waren schon losgezogen, als wir noch im Zelt lagen und auch noch frühstücken mussten.

Wir beobachten hier wiederholt, dass sich bei größeren Gruppen einige auf die anderen verlassen, die schon etwas zu Essen und zu Trinken im Rucksack haben werden - die wechselseitige Fragerei, ob und wer was hat, war deutlich.

Ansonsten ist eben eine 3-Mann-Gruppe bei gleichem Grundtempo wesentlich schneller, weil flexibler, als eine 10er-Gruppe, die sich wegen nicht genügendem Abstand zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern zum Teil wechselseitig auf die Füße und die Hände treten. Danach geht`s im ständigen Auf und Ab weiter, wobei immer wieder kleine, zum Teil trockene Bäche überquert werden.

Plötzlich ist nach kurzem Aufreißen der Wolkenschicht rechts wieder ein tiefer Taleinschnitt zu sehen - das Karanga Valley.

Wir müssen das Tal steil runter und drüben noch steiler wieder hoch - das Camp ist durch rote, gelbe und grüne Zelte schon hinter und über der Bruchkante des Tales zu sehen. 

Kurz vor dem Bach beobachten wir seltsame Rutschmanöver sowohl von Trägern als auch Bleichgesichtern, die sich tatsächlich auf dem Allerwertesten über steile und wasserdurchflutete Felsflächen rutschend mehrere Meter nach unten bewegen und dann gerade so von Guides und anderen Gruppenmitgliedern mehr oder weniger aufgefangen werden.

Wir gehen es hier ruhig an, machen Pause, bis diese seltsamen Akrobaten der Berge über den Bach hinweg sind und steigen dann kurz und schmerzlos mit Händen und Füßen, Gesicht zur Wand über die Felsrippen ab.

Man merkt an solchen Stellen wie vorher am Breakfast deutlich, dass hier in der Masse reine Bergwanderer ohne Klettererfahrung unterwegs sind.

Positiv ist, dass diese Stellen eben auch für normale Bergwanderer machbar sind - ein leichtes kurzes Seil (Reepschnur) als Sicherungsmittel wäre für einige allerdings besser und vor allen Dingen sicherer. Ab Bach steigt der Pfad ganz steil um ca. 200 Höhenmeter an.

Ein Germane mit Frau, der schon an den Felsrippen vor dem Karanga-Bach „vor uns fliehen wollte“, treibt seinen Führer an, nachdem wir auf halber Höhe der steilen Wand wieder herangekommen sind.

Die Dreiergruppe wird etwas schneller. Wir machen lieber wieder kurze Pause, um keine Bedrängnis auszulösen.

Träger holen an uns vorbei mit Kanistern Wasser aus dem oberen Bachverlauf.

50 Höhenmeter nach der Pause sind wir allerdings erneut ran und das Bleichgesicht treibt wiederholt seinen Führer an. Das Ganze ist uns völlig unverständlich.

Auf der Talkante oben direkt an der Markierung des Karanga Camp sehen wir dann das Ergebnis dieser Hetzerei.

Der Deutschgermane sitzt auf dem Felsen gegenüber der Markierung und erbricht völlig fertig und vor mindestens einem Dutzend Leuten mehrfach strahlförmig grüngrau ununterbrochen vom Mund bis zum Erdboden reichend seine Eingeweide leer. Übermut tut auch hier selten gut.

Wir kommen quietschvergnügt auf der weiten, sich deutlich nach oben hinziehenden und gleichzeitig nach rechts geneigten Felsfläche des Camps an. Hochziehende Wolken verhüllen plötzlich das Camp, so dass wir wieder einmal nur eine Sicht von 50 m haben.

Kurz hinter der Markierung sitzt still and not amused ein Engländer aus Middlesbrough, mit dem wir gestern noch über die Härte einer langen Tour heute nicht nur bis zum Karanga Camp, sondern aufs Barafu Camp in 4600 m gesprochen haben.

Für uns ist die heutige Tour hier auf 4005 m zu Ende - der arme Kerl muß sich offenbar schon halb erschöpft noch über offiziell weitere 3 bis 6 Stunden bis ins Barafu Camp quälen und dann „fit“ für den spätestens Mitternacht beginnenden Gipfeltag über mindestens weitere 12 bis 15 Stunden reine Gehzeit sein.

Nun ja. Ich kann wirklich nur jedem auch vorher echt höhenangepaßten Tourengeher raten, den Weg zwischen Barranco Camp und Barafu Camp nicht in einer Tagesetappe, sondern in zwei Etappen mit Nacht eben im Karanga Camp zu teilen.

Die Gipfelambitionen dürften sonst schon einen Tag vor dem Gipfeltag ausgeträumt sein. Das Ganze läuft darauf hinaus, die Machame Route in 7 Tagesetappen statt der Mindestzahl von 6 Tagesetappen zu gehen.

Ein sogenannter Akklimatisierungstag im Shira Camp oder im Barranco Camp mit zwei Nächten an gleicher Stelle kann meinerseits wegen der sonst wieder bestehenden überlangen Tagestour direkt vor dem Gipfeltag als Variante nicht empfohlen werden.

Vom Karanga Camp aus sind abends über den Wolken im Abendrot wieder die Shira Gipfel und Mount Meru zu sehen.

Bergtag 5 - Karanga Camp 4005 m bis Barafu Camp 4600 m

30. Juli 2006

09:20 - 12:05 Uhr (offiziell 3 - 6 h für 6,5 km) Felswüste mit Schnee

Die heutige Tour soll nach Angabe von Guide Dawson nur ca. 3 Stunden dauern, weil wir wegen der vorangegangenen Tagestour nur bis zum Karanga Camp ausgeruht und seiner Meinung nach auch trainiert sind.

Wir werden ja sehen.

Los geht`s wieder mal im hellen Wolkennebel. Die sich lang hinziehende Perlenschnur mit Trägern, Guides und Bergtouristen ist auf der schwarzfelsigen Hochfläche gegen die helle Wolkenschicht deutlich im Widerlicht zu sehen.

Das ständige Gehen auf kurze Sicht immer wieder in Wolken hinein ist typisch für die Touren auf den Südwest-Routen.

Nur 2 - 3 Minuten nach Abmarsch ziehen die Wolken auf. Der Kibo ist mit deutlich sichtbarem Neuschnee überzogen und glänzt in der Morgensonne.

Wir fürchten nun dezimeterhohe Schneefelder morgen oben auf dem Gipfel.

Dawson meint, das könne ja sein, genau so gut könne der Schnee aber auch durch die Sonne morgen schon wieder weggetaut sein.

In seiner Portertätigkeit und auch noch in seiner Zeit zu Beginn als Assistant Guide wäre der Kibo oben das ganze Jahr über in Schnee und Eis gewesen. Das wäre jetzt nur noch zeitweise der Fall, wobei bis zum Uhuru Peak direkt auf dem Weg überhaupt kein Gletscher mehr zu queren wäre.

Der Weg führt zwischen kleinen Felsstücken andauernd und  ziemlich steil nach oben.

Zum ersten Mal während der Tour überhaupt kommen uns Träger entgegen. Dawson sagt, die müssten Wasser aus einem entfernten Bach für das Barafu Camp holen.

Ein fast senkrechter Wall von ca. 150 Höhenmetern taucht vor uns auf, an dessen Fuß wir eine 10-Minuten-Kurzpause machen. Oben auf dem Wall soll nämlich schon das Barafu sein. Die Routen-Beschreibung einer bogenförmigen Umgehung des Camps mit Aufstieg ab einer Wegkreuzung über die Mweka Route erweist sich als unrichtig.

Tatsächlich haben wir dann nach 2 ¾ Stunden insgesamt an Tagestour schon das Barafu Camp erreicht. Das Camp ist die reine Wildnis zwischen hohen Felsen und ohne jedes Wasser in der Nähe, aber mit Neuschnee auf 4600 m Höhe.

Die zwei grünen Ranger-Blechhütten stehen zwar schon auf 4550 m direkt am Beginn des Camps - die Zelte ziehen sich jedoch erst ab dieser Stelle im Felsgewirr nach oben.

Wir beziehen unser Zelt und halten nach Versorgung mit Tee einen Schwatz mit den Schotten und Canadiern.

Dabei wundern wir uns, als wir vom Gipfel kommende beladene Träger sichten. Dawson klärt uns auf: Crater sleeper - sie haben mit ihren Touristen oben im Krater auf 5750 m geschlafen.

Plötzlich tauchen die beiden Polen von oben auf. Sie sind augenscheinlich erschöpft und geknickt.

Oben wäre es sehr kalt und noch mehr windig. Sie hätten wirklich sehr stark gefroren. Die armen Kerle haben nach einer Pause noch den steilen und weiten Abstieg ins Mweka Camp auf  3100 m vor sich.

Es fängt auch noch an zu hageln. Die Zelte werden mit einer Eisschicht überzogen.

Das Toilettenhäuschen nicht nur am, sondern über dem ca. 150 m hohen Abgrund erfordert bei Benutzung höllische Aufmerksamkeit, da man sonst beim leichten Ausrutscher über die eisüberzogenen Felsstücke nach unten sausen würde.

Daher verschwinden immer wieder Touristen und Träger zwecks körperlicher Erleichterung freiwillig ostwärts hinter Wolkenbänken und großen Felsen.

Es wird also ernst.

Sämtliche Leutchen im Camp ziehen ihre dicken Sachen an und wirken nun wie plumpe Felskrabben.

Aus der Ranger-Hütte kommt die Funknachricht, dass an der einen Tagesmarsch entfernten, benachbarten Kibo-Hütte auf der Marangu-Coca-Cola-Route gerade ein Tourist gestorben ist. Das trägt auch nicht zur Hebung der Stimmung bei.

Dawson gibt noch kund, dass auch ihm schon mehrfach Touristen gestorben sind. Darunter ein Japaner direkt auf dem Uhuru Peak (Dawson: „They can not surrender“) und einer im Barafu Camp, in dem wir gerade hocken. Die Familie des Uhuru-Bezwingers in Japan hätte aber die Goldene Gipfelurkunde für die Besteigung des Uhuru erhalten - dies wäre für die Japaner eine Frage der Ehre.

Dieses Jahr wären ihm in den ersten sechs Monaten schon drei Träger gestorben. Motivation pur. Ursache bei den Trägern wäre, dass diese in den dichten Wolken meistens vom kaum erkennbaren Pfad abkommen würden, sich irgendwann erschöpft und demoralisiert hinsetzen oder hinlegen und den Kältetod sterben.

Touristen würden sich überanstrengen und Symptome der Höhenkrankheit nicht beachten.

Wir fragen, was die Guides machen, wenn die Bleichgesichter nicht mehr können. Dawson erklärt in aller Seelenruhe, dass er Guide und damit Begleiter, also kein Führer wie bei uns in den Alpen wäre. Die Touristen müssen selber wissen, was und ob sie noch können.

Das Ganze würde aber praktisch geregelt - wer nicht mehr kann, steigt eben ab. Problemfälle müssen eben irgendwie nach unten „geschafft“ werden. In den von uns schon bezahlten Kosten der Reise wäre in den Nationalparkgebühren auch eine Rettungsgebühr enthalten.

In aller Klarheit: Hubschrauber wie in den Alpen gibt es am Kili schlichtweg nicht. „Runterschaffen“ bedeutet also auf dem Rücken eines Trägers oder auf einer Trage bzw. schlimmstenfalls in einer Bahre.

Wenn 8 Touristen üblicherweise einen Guide und zwei weitere Assistant Guides haben, steigt der erste Assistant Guide mit dem ersten Touristen ab, der nicht mehr kann.

Wenn der zweite Tourist nicht mehr kann, geht der zweite Assistant Guide mit nach unten.

Falls dann von den verbleibenden 6 Touristen ein weiterer Probleme bekommt, müssen dann alle 6 mit dem einen noch vorhandenen Guide absteigen. Schippe drauf, Glück auf.

Wir sind froh, dass wir dieses Risiko der Gruppen am Gipfeltag nicht teilen müssen, weil wir für uns beide eben einen Guide und einen Assistant Guide haben.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommen zwei kleine Gruppen uns bisher unbekannter Bergfreunde im Camp an.

Es sind solche mit 6-Tage-Tour, die im Karanga Camp keine Übernachtung hatten.

Eric aus Deutschland fällt hier wegen seinen vielen weißen Flächen und Flecken im Gesicht auf. Es ist Heilsalbe. Er hatte sich zu spät oder/und zu wenig mit Sonnenschutz eingerieben und sich deshalb verbrannt. 

Nach dem Abendessen in der Dämmerung fordert Dawson zwei Batterien für seine eigene Stirnlampe bei Sohnemann Marcus ab, weil seine erschöpft wären.

23:00 Uhr wecken, kleiner Tee und wenig Kekse, Packen und 24:00 Uhr Abmarsch. Meine Frage, warum für Aufstehen, Anziehen, Teetrinken und Kekse knabbern eine Stunde benötigt wird und ob wir nicht lieber erst 24:00 Uhr aufstehen  sollten, wird mit der eben benötigten einen Stunde beantwortet.

Koch und Träger bleiben im Barafu Camp auf 4600 m und warten auf unsere Rückkehr vom Gipfel, die für den späten Vormittag oder den Mittag, wie gerade bei den beiden Polen erlebt, angesagt wird.

Wir könnten uns dann 1 ½ oder 2 Stunden im Camp erholen, Schlafpause einlegen und Suppe essen.

Erst danach sollen dann das Zelt abgebaut und unsere Sachen gepackt werden.

Die Sorgen wegen der Begehbarkeit des durch die Eisschicht tückisch glatten Bodens und der Steine darauf bleiben im Hinterkopf - vom Lager aus ist wegen den dichten Wolken nicht einmal ein Pfad durch das Felsgewirr nach oben Richtung Kraterrand zu sehen oder auch nur zu erahnen.

Bei Rotter angegebene zwei Wegvarianten nach oben sind Dawson und Joseph unbekannt - alle Gruppen würden nur den einen bekannten steilen Serpentinenverlauf nutzen.

Wir legen uns bei beginnender Dunkelheit ins überfrorene Zelt auf den eisigen Felsboden und sind froh, dass wir bei der bitteren Kälte über der Iso-Matte die dicken Carinthia-Schlafsäcke und zusätzlich noch die Franzosen-Biwak-Säcke nutzen können.

Trotz der Aufregung vor dem Gipfeltag schlafen wir tatsächlich fest ein. Die körperliche Anstrengung der nunmehr schon vier Tourtage am Berg mit Schlafstellen zwischen 3000 und 4000 m macht sich bemerkbar.            

Bergtag 6 -  Gipfeltag - Barafu Camp 4600 m - Uhuru Peak 5895 m - Mweka Camp 3100 m

31. Juli 2006      

00:07 - 12:45 Uhr

(offiziell 12 ½ bis 15 h reine Gehzeit, Gipfelpause mit 0,25 h sowie Pause abwärts im Barafu Camp mit 0,75 - 2 h und weitere Kurzpause im Millenium Camp auf 3900 m mit 0,15 h sind mindestens hinzuzurechnen - 7 km Aufstieg, 23 km Abstieg)

23:00 Uhr stehen wir selber auf. Das Kondenswasser der Atemluft war am Innenzelt gefroren und dann beim Herumdrehen im Schlafsack abgebröckelt.

Vom Innenzelt herabgefallene Eisstücke wurden durch unsere Körperwärme wieder zu Wasser - die Iso-Matten sind von unten nass.

Plötzlich stehen kurz nach 23:00 Uhr die Schotten neben unserem Zelt, lassen ihren markigen Schlachtruf  ertönen und ziehen unter Gesang im Schein ihrer Stirnlampen Richtung Gipfel.

Wir wundern uns, da bei so zeitigem Aufbruch die Gefahr der Gipfelankunft deutlich vor Sonnenaufgang in eisiger Kälte besteht.

Motivation aus inzwischen vielen Gesprächen bei praktisch allen Besteigern ist es, den Sonnenaufgang am Stella Point mit dem Kraterrand oder noch besser auf dem Uhuru erleben und fotografieren zu können.

Als dann nach 15 min auch noch die Belgier losziehen und wir immer noch keinen Tee haben, wird nachgeforscht. Koch und Führer haben über ihrem Palaver offenbar die Eiseskälte vergessen - das Wasser ist in den Behältern zu Eisblöcken durchgefroren. Nach einiger Zeit wurde Wasser von anderen Teams besorgt.

Das nächste Malheur bestand dann darin, dass auch noch der Kocher zugefroren war.

Ich werde langsam ungemütlich, schimpfe zum ersten Mal während der Tour überhaupt und lege mich gefrustet wieder in den Schlafsack.

Eine halbe Stunde frierend in der Kälte herumstehen ist wenig sinnvoll und zudem der Kondition abträglich. Und ohne Tee gibt es auch keinen Gipfel. Die Verzögerung nagt an der Moral.

Mitternacht ist dann auch der Tee fertig. Drei Kekse geknabbert. Stirnlampe auf.

00:07 Uhr gehen wird dann tatsächlich als vorletzte Gruppe los. Wenige Meter hinter uns schließt sich das canadische Pärchen an.

Interessanter Weise hat bei keiner Gruppe ein einheimischer Guide oder Assistant Guide einen Rucksack auf.

Heute soll Assistant Guide Joseph vorangehen und Dawson den Abschluss bilden.

Das erweist sich schon nach kurzer Zeit als ungünstig, da Joseph unseren Geh-Rhythmus nicht kennt und viel zu schnell losstiefelt.  Ich muss ihn kurz hintereinander mehrfach bremsen.

An dieser Stelle kann ich anderen Bergfreunden nur empfehlen, von Anfang an und über die gesamte Tour hinweg auch am Gipfeltag gegenüber dem Guide den eigenen Rhythmus durchzusetzen. Wessen Kondition nicht reicht, dem kann auch kein Guide mehr helfen. Hetzerei ist nicht nur unsinnig, sondern drastisch erfolgsgefährdend. Die Einzigen, die sich über Tourabbrüche freuen, sind die Einheimischen, da sie in kürzerer Zeit weniger Arbeit bei gleichem Lohn (auch gleichem Tip) haben und gleichzeitig nicht genutztes Essen selbst anderweitig zur Versorgung einsetzen können.

Nach 20 min gehts auf allen Vieren einen Felsbruch hoch. Hier gibt es Drängelei, weil einige Bergkameraden eine Art Schnelligkeitswahn haben. Die Verausgabung von Kräften schon an dieser Stelle in einer Höhe von über 4700 m bei noch 1200 Höhenmetern bis zum Gipfel ist gefährlich. Wir halten uns wieder einmal zurück und lassen die Anderen losziehen.

Wegen den Warnungen der beiden Polen zu eisiger Kälte und starken Wind haben wir eine Berghose zu viel angezogen. Wir geraten trotz der eisigen Kälte ins Schwitzen. Eine halbe Stunde nach Start ziehen wir über die dicken Winterbergstiefel eine von zwei Hosen aus - lange Fleeceunterhose und normale Goretex-Berghose reichen. In der stockdunklen Nacht hat nun jeder mit sich selbst zu kämpfen.

Der Steilhang zum Kraterrand verlangt härteste Steigarbeit. Lieber langsam durchgehen (besser: tappen) als schnell gehen und immer wieder Pause machen.

Wir erreichen und überholen laufend Gipfelaspiranten, die schon deutlich eher losgestiefelt sind.

An einer längeren Serpentine fällt der Blick plötzlich tief nach unten - Moshi liegt bei glasklarer Bergluft mit hunderten Lichtern wie eine schwebende Untertasse im Weltraum direkt mehr als 4000 m  unter uns.

Gleichzeitig über uns sichtbare Sternschnuppen und der magisch strahlende Sternenhimmel geben ein Gefühl des Schwebens im Raum.

Die harte Realität verlangt aber immer mehr Überwindung und Eigenmotivation.

Die eigenen Anstrengungen werden auf die zwei Meter Weg konzentriert, die von der Stirnlampe aus der Dunkelheit herausgerissen werden.

Das Thermometer der beiden Canadier zeigt bei Windstille -16°C an. Das hat den Vorteil, dass der Boden wirklich fest gefroren ist und keine Kräfte zehrenden Aktionen nach dem Schema zwei Schritt vor und einer runtergerutscht notwendig sind.

Tourdurchführung im Juli/August als Kältezeit am Kili ist auch deshalb zu empfehlen - im Januar/Februar, als hier warmer Zeit, ist mit mehr anstrengenden staubigen Asche- und Schuttbodenrutschungen zu rechnen. Der Aufstieg dauert dadurch länger und frisst Kondition. Das Ganze wird nun bei uns hart und  immer härter.

Plötzlich sehe ich im Lichtkegel hinter einem Felsen einen bleichen Touri, der erschreckend würgt.

Gegen 01:30 Uhr kommen wiederholt einzelne Bergfreunde jeweils mit Assistant Guide trottend oder torkelnd und zum Teil von zwei Mann gestützt herunter - die Kräfte reichen nicht mehr.

Danach sitzt bei ungefähr 5200 m eine Frau Mitte 30 auf einem Felsbrocken. Sie klappert an allen Gliedern und mit dem Gebiss und heult wie ein Schlosshund. Ich nehme meinen Rucksack runter und will ihr Cola und Tabletten geben, da sie augenscheinlich völlig unterzuckert ist. Guide Dawson wehrt jedoch energisch ab und meint „Sie muss sowieso runter, ihr Guide macht das schon“. Weiter gehts.

Einige Serpentinen höher diskutiert eine Gruppe äußerst heftig mit ihrem letzten verbliebenen Guide. Auflösungserscheinungen der Gruppe machen offensichtlich die Gipfelambitionen auch der Konditionsstarken zunichte.

Weiter oben trottet die Nächste seltsamerweise vor ihrem Guide. Nach einer Serpentine dreht sie sich plötzlich wortlos um und geht nach unten. Der verblüffte Guide schaut ihr zunächst hinterher und steigt dann ebenfalls ab.

Das steile Trotten will kein Ende nehmen. Über  und unter uns sind noch andere Stirnlampen-Lichter zu sehen. Nun werden häufiger auch bei uns Kurzpausen in Einminutenlänge nötig. Tee trinken. Nur keine Hektik.

Der gute Joseph nimmt mir bis zum Stella Point den Rucksack ab - es atmet sich gleich freier. Nun ist klar, warum die Guides selbst keinen Rucksack aufgenommen haben.

Ein Ende der Quälerei ist jedoch nicht abzusehen. 04:00 Uhr früh ist es weiter stockdunkel.

Die ganze Zeit haben wir nur einmal ein Foto-Blitzlicht gesehen. Das Fotografieren würde das Auspacken des Fotoapparates aus der mehrfachen Hülle im Rucksack erfordern, wozu offenbar niemand weiter Lust hat. Die Gefahr eines Defektes des Apparates zur Unzeit durch Einfrieren oder durch kältebedingtes Erschöpfen der Batterien vor dem ersehnten Gipfelfoto wäre damit auch zu groß.

Und gelinde gesagt erschöpfte Gesichter will weder jemand ablichten noch sich so ablichten lassen.

Kurz nach 05:00 Uhr werden schräg über uns von rechts kommende Lichter sichtbar - es sind Besteiger auf der Marangu-Route, die von der Kibo-Hütte aus am Gillmans Point vorbei sind, sich Stella Point nähern und zum Uhuru gehen wollen. Das hebt die Stimmung und nährt die Hoffnung auf das baldige Erreichen des Gipfels.

Gegen halb sechs werden die Sterne blasser, am Himmel vor und über uns  wird der Kraterrand ahnbar. Links liegen schemenhaft erkennbare Gletscher.

05:40 Uhr sind wir auf  Stella Point mit 5745 m. Hier ist der Kraterrand und damit der Gipfel bereits erreicht. Der Krater selbst ist in der Dunkelheit nicht zu sehen.

Für ein Foto findet sich außer schneebedecktem Boden und mehrere Meter hohen dunklen Felsen des Kraterrandes zunächst nichts.

Zweimal um die Ecke geschaut, bringt auch nur das Vorhandensein zweier Reste vergammelter Holzbretter zum Vorschein, bei denen lediglich noch Teile von Buchstaben mehr ahnbar als lesbar vorhanden sind.

Dafür wird das Einfrieren der Kamera in eisiger Kälte mit nun starkem Wind nicht riskiert.

Eine Lampengruppe ist vom Aufstiegspfad her gesehen linkshändig in einiger Entfernung halb rechts voraus zu sehen - dort soll der Uhuru sein. Die frische Motivation geht in die müden Beine.  

Weiter gehts deutlich schneller bei immer heftigerem und eisigem Wind in nur noch gemächlicher Steigung am Rebmann Gletscher und Kersten Gletscher vorbei.

Der Wind ist nun so heftig, dass die beiden Klettverschlüsse der Kapuze immer wieder aufreißen und mir die unteren Kapuzenabschlüsse regelrecht ins steif gefrorene Gesicht peitschen. Das Herausholen der breiten Skibrille zur Fixierung ist mir aber zu mühsam. Zum Glück hält die zusätzlich um den Hals getragene Sturmhaube bis zum Kinn eisfrei.

Die Morgendämmerung setzt ein. Eine letzte kurze deutliche Steigung über den Hans Meyer Point auf 5888 m und es geht durch ein scharfkantiges Büßer-Eisfeld zum ersehnten Uhuru.

Ganz Afrika liegt unter uns.

06:15 Uhr ist die Sonne am Aufgehen, das Ganze ist aber noch zu dunkel für Gipfelfoto und weite Sicht.

Auf dem Uhuru erwarten schon 10 Männlein und Weiblein frierend die Sonnenstrahlen. -26°C und schärfster Wind.

Die Gipfel-Bretterwand wird mehrfach umrundet, damit man warm bleibt. Andere umarmen sich heftig, gleichzeitig kälte- und emotionengeschüttelt.

Anne-Marie hat den Tunnelblick und bekommt nichts mehr mit - Maxime reagiert auf meine Worte auch nicht. Sie rücken sofort wieder ab und runter.

Endlich kann der Fotoapparat aus der dreifachen Verpackung im Rucksack herausgepuhlt werden, um das ersehnte Gipfelfoto in die Linse zu kriegen. Die ersten Aufnahmen sind immer noch dunkel.

Dann steigt über Afrika und uns die Sonne empor. 

Nun klicken um 06:28 Uhr wirklich sämtliche Fotoapparate der inzwischen auf ungefähr 20 Personen angewachsenen Gruppe.

Bergfreund Tobias, Mitglied einer 3er-Gruppe mit dem trefflichen Namen „Auf und davon-Fulda“, drückt auch für uns meine Kamera ab.

Jetzt werden auch der Krater und der Kraterrand bis hinter zum Bismarck Tower, Gillmans Point und Leopard Point sichtbar.

Am Leopard Point auf 5680 m wurde 1926 ein erfrorener mumifizierter Leopard gefunden.

Der Mawenzi wird von der Morgensonne angestrahlt. Herrlich. Erhebend.

Richtung Norden sehen wir 5000 m unter uns die rot-braune Steppe der Massai im benachbarten Kenia.

Nach 4 selbst geschossenen Fotos habe ich Mühe, die fast steif gefrorenen Hände wieder in die Handschuhe zu bekommen. Erfrierungen werden befürchtet.

Weiter herumstehen will bei  -26°C und starkem Wind niemand. Also Kraterrand abwärts wieder Richtung Stella Point - durch die gehobene Stimmung und die Erholung in der Gipfelpause fast im Sturmschritt.

Das Büßer-Eisfeld kann nun beim Abstieg den Kraterrand runterzu im Licht der aufgehenden Sonne abgelichtet werden.

Die Gletscherabbrüche des Gipfelaufbaus werden in ihrer Mächtigkeit deutlich.

Am Stella Point ist dann wegen der inzwischen weiter aufgegangenen Sonne deutlich die Kibo-Hochebene mit den beiden Kibo-Hütten 1000 Höhenmeter tiefer sichtbar.

Der Abstieg von Stella Point Richtung Barafu Camp geht deutlich schneller als aufwärts. Hier begegnen uns dann im hellen Sonnenschein immer noch Touristen, die sich mühsam aufwärts Richtung Stella Point am Kraterrand schleppen.

Bei ca. 5000 m abwärts wird der bis dahin festgefrorene Boden merklich instabiler. Man rutscht immer wieder mit eigentlich gefrorenen, aber abbrechenden Aschestaubstücken abwärts. Der Verleitung zum zu schnellen Abstieg wirkt plötzlich notwendiges Hecheln nach Luft entgegen.

An der Felsgruppe kurz vor dem Barafu Camp wundern wir uns, wie wir nachts dort hochgekommen sind - der Abstieg erfordert völlige Konzentration.

Von oben bei weiter Sicht ist nun auch klar erkennbar, dass das Barafu Camp direkt auf einer nach Osten, Süden und Westen abbrechenden Felsrippe liegt.

Im Barafu Camp auf 4600 m gibt es 9:30 Uhr nach Congratulations durch den Koch und die Träger zum Gipfelerfolg Tee und Suppe zur Stärkung.

Die Canadier legen sich zur Erholung ins Zelt. Die Sachen werden aus unserem Zelt in die Seesäcke gepackt - für schlafen ist es  mir zu gefährlich, da dann die Anspannung nachlässt.

Das Zelt wird abgebaut und wandert sofort auf dem Kopf eines Trägers talwärts. Die Winterbergstiefel werden in den Seesack gepackt, die normalen Bergstiefel angezogen und nach zweitem Tee für den Abstieg festgeschnürt.

10:15 Uhr geht es ab in Richtung Mweka Camp.Dieser Wegabschnitt wird nur abwärts begangen - ausgenommen sind Rettungstransporte.

Kurz hinter dem Barafu öffnet sich plötzlich der Blick auf eine vorher nicht gesehene mehrere hundert Meter tiefer liegende weite Hochebene.

Der Weg geht unmittelbar unter dem Camp und in vielen Spuren breitgetreten zunächst sehr steil geradeaus nach unten - die vorderen Schienenbeinmuskeln schmerzen deutlich. Der zunächst aufgenommene französische Geschwindschritt muss reduziert werden. 

Ab ca. 4100 m wird es im Heidegebiet flacher. Wir sehen hier zum ersten Mal neben dem Weg liegende angerostete Tragen mit darunter angebautem Einrad, wobei das Rad die Größe eins üblichen Rades am Fahrrad hat.

Bei Rotter sind diese Ab-Transportmittel für Höhenkranke oder Verunfallte mit Foto einschließlich lachendem Autor als Spaß-Nutzer abgebildet. Die Dinger haben sich zumindest auf den Pfaden und Wegen der Machame Route nicht bewährt.

Das Millenium Camp auf 3900 m mit dort beginnender Baumgrenze wird erreicht und für eine Kurzpause genutzt.

Das Camp wurde zur Jahrtausendwende wegen dem Massen-Ansturm von Kili-Besteigern eingerichtet. Übernachtungen werden nach der Jahrtausendwende dort jedoch nicht mehr vorgenommen.

Der Weg zieht sich dann schmal und immer wieder von 1 - 2 m hohen Abbrüchen unterbrochen langanhaltend durch den beginnenden Regenwald nach unten. Das Ganze verlangt Ausdauer, Ausdauer, Ausdauer, Zähigkeit.

Wiederholte Erwartungen, dass hinter der nächsten abwärtigen Bergkuppe endlich das Mweka Camp erreicht ist, werden enttäuscht.

Die Einheimischen können unterwegs weder Entfernungen noch benötigte Zeit einigermaßen verlässlich angeben.

12:45 Uhr ist es endlich soweit. Unser Zelt steht schon im Mweka Camp auf 3100 m.

Einen Tag vorher waren die beiden Polen um diese Zeit noch nicht einmal im Barafu Camp auf 4600 m und schon dort erschöpft.

Nach der Beschreibung von Dippelreither sollen die Ranger hier im Mweka Camp für einen US-Dollar pro Flasche (Gipfel-) Bier verkaufen.

Ich sepple also zu den Blechhütten und bestelle 9 Bier - 7 für Guide, Assistant Guide, Koch und Träger, 2 für uns. 27 Dollar.

Auf meine Nachfrage wird nochmals bestätigt - ja, pro Flasche 3 US-Dollar. Was solls. Solches Bier gibts nie wieder.

Bei der Einladung zum Gipfelbier gibt es auch noch Disput mit Dawson, weil er 9 Bier für sich und seine Leute verlangt.

Ich sage ihm, dass wir 7 Einheimische und 2 Bergtouristen  auf insgesamt 9 noch addieren können, obwohl wir gipfelgeschlaucht sind. Er meint, es wären insgesamt 9 mit Guide, Assistant Guide, Koch und Trägern.

Ich weise freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass er selbst zu unserer Überraschung bei der Einweisung  insgesamt 7 Einheimische für unsere Gruppe benannt hat und mehr auch tatsächlich zu keiner Zeit zählbar waren.

Eher war es so, dass wegen der Tätigkeit des Kochs auch für die andere Zweiergruppe der Canadier und die Trägertätigkeit für beide Zweiergruppen diese Zahl zu hoch war, zumal die ihn beauftragende Agentur vorher selbst nur 6 Einheimische insgesamt für unsere Gruppe angegeben hatte und seine Träger die letzten zwei Nächte im Speisezelt geschlafen haben, weil sie offenbar schon mindestens ein Zelt und einen Träger ab Karanga Camp ins Tal geschickt hatten. 

Mehr Bier gibts also nicht. Beim Umtrunk stellt sich dann als eigentlicher Hintergrund heraus, dass es um das Trinkgeld geht.

Wir verblüffen Dawson mit unserer detaillierten Kenntnis des Problems - die Zahlen stammen aktuell als empfehlende Orientierung von der einheimischen Agentur.

Unser Hinweis lautet auch deutlich, dass die eigentliche Bezahlung für die Leistung mit dem Reisepreis an die Agentur erfolgte.

Am Ende ist er hoch zufrieden, als wir ihm sagen, dass wir unabhängig von seiner Teamgröße insgesamt 400 US-Dollar als Tip geben werden. Allerdings nicht einen Teil schon heute für angeblich 2 sich verabschiedende Träger einzeln an diese, sondern ebenfalls nach der Empfehlung der einheimischen Agentur insgesamt an ihn und zwar erst Morgen zum Abschluss der Tour im Tal.

Die Aufteilung soll er selber vornehmen, da wir die Leistungen der einzelnen sowieso nicht einschätzen können.

Nach dem das geklärt ist, gibt es für Dawson und Joseph auch noch ein zweites Bier.

In der guten Stimmung versucht Dawson nun, uns auch noch „nicht mehr benötigte“ Bergstiefel und Bekleidung abzuschwatzen - darauf lassen wir uns nicht ein.

Beim dritten Bier tauchen dann über zwei Stunden nach uns auch noch die Schotten auf. Woher die kommen, wissen wir nun wirklich nicht. Deutlich vor dem Kraterrand haben wir sie beim Gipfelaufstieg mitten in der Nacht überholt und dann hinterher bis zum Gipfel und vom Gipfel herunter bis zum Barafu Camp und später gar nicht mehr gesehen.

Da es auf dieser Route nur einen Pfad mit am Gipfeltag kilometerweiter Sicht gibt, müssen sie also vor dem Kraterrand umgekehrt sein und dann irgendwo im Heidegebiet oder Regenwald eine Pause neben dem Weg gemacht haben.

Zur Erinnerung: Über 2 Stunden nach uns heißt deutlich nach 15:00 Uhr. Da die Schotten schon unmittelbar nach 23:00 Uhr losgegangen waren, haben sie eine Tour von über 16 Stunden hinter sich. Ohne Gipfelerfolg.

Weil unser Zelt direkt neben dem Pfad am Beginn des Camps liegt, bekommen wir mit, dass sich die Ankunft von Bergfreunden einzeln und in Gruppen bis abends und in die Dunkelheit noch nach 18:00 Uhr hinzieht.

Viele krauchen mehr, als dass sie gehen.

Einige sind offensichtlich am Ende ihrer Kräfte und merken in ihrem Tran erst nach dem Passieren mehrerer Zelte, dass sie im Camp angekommen sind. Erschreckend!

Unsere feucht-fröhliche Begrüßung mit Bier in der Hand muntert einige zwar auf - weil das Bier bei den Rangern aber zwischenzeitlich alle geworden ist, müssen sie sich leider nur mit Tee begnügen.

Der Kibo ist nun wieder über der aufgerissenen Wolkendecke zu sehen. Die Gipfelhaube ist schon wieder mit Neuschnee überzogen.

Wir sind froh, dass wir ein günstiges Wetterfenster erwischt haben.

Der Gipfeltag dürfte für die allermeisten Bergfreunde der körperlich härteste Tag ihres Lebens überhaupt sein.

Wo die Ausdauer endet, beginnt die Zähigkeit.

Die Besteigung des Großvenedigers von der Johannishütte auf 2121 m über das Defreggerhaus auf 2962 m bis zum Gipfel auf 3662 m ist eine normale Bergtour.

Die 60-Kilometer-Sportwanderung am 19.05.1984 von Karl-Marx-Stadt auf den Fichtelberg war zwar anstrengend, aber nicht hart.

Ein Alarm-Marsch im Mot.-Schützen-Regiment 16 mit Kalaschnikow, Sturmgepäck Teil 1 und 2, Bodenplatte vom Granatwerfer und später auch noch zusätzlich dem Funkgerät der Granatwerfer-Batterie wegen zu torkeln beginnendem Funker in den bergigen Hügeln bei Bad Frankenhausen zum Teil unter Schutzmaske war für einen damals 32-jährigen Reservisten hart, aber nicht grenzbelastend.

Der Gipfelanstieg vom Barafu Camp hoch zum Stella Point ist grenzwertig - sowohl von der körperlichen Belastung als auch dem moralischen Durchhaltewillen her.

Ein Berg ist aber erst dann bezwungen, wenn man - heil - wieder unten ankommt.

Nach den Erfahrungen von Dawson und Joseph ist für die Besteiger auf der Marangu Route der Abschnitt zwischen Gillmanns Point und Uhuru härter als für die Besteiger auf der Machame Route der Abschnitt zwischen Stella Point und Uhuru - ab Gillmanns Point werden nämlich mindestens anderthalb bis zwei Stunden und ab Stella Point nur eine halbe bis eine dreiviertel Stunde bis zum Uhuru benötigt.

Das Ganze wäre aber weniger wegen der deutlich längeren Zeit entlang des Kraterrandes für die Besteiger belastend, sondern weil sich nach dem moralischen Hoch bei Erreichen des Gillmanns Point ein wegen dem Auf und Ab am Kraterrand kräftezehrender Abschnitt mit notwendig neuem Motivationsschub bis zum Uhuru auftut.

Deswegen würden viele über den Gillmanns Point kommende Besteiger am Stella Point abbrechen und umkehren.

Bergtag 7 - Mweka Camp 3100 m bis Mweka Gate 1800 m, Mweka Dorf 1700 m

01. August 2006

07:31 - 09:27 Uhr (offiziell 3 - 4 h für 15 km) Regenwald

06:30 Uhr - zeitiges Aufstehen im Morgengrauen und kurzes Frühstück soll die Langwierigkeit der Prozedur am Exit Gate dann in Mweka auf 1800 m zeitlich verkürzen, in dem man mit als Erster ankommt.

Der Weg durch den Regenwald nach unten wird breiter und schlammiger.

Kurz nach Abmarsch gehen zunächst die beiden Canadier mit ihrem Guide Fernando und Marcus und hinterher auch ich in Dauerlauf über. Dadurch überholen wir nun auch kleine Gruppen, die offenbar noch zeitiger aufgestanden und losgegangen sind. Die Prozedur ist immer die gleiche - kurz „Jambo“ rufen und die Gruppen machen in Erwartung beladener Träger Platz. Bei Dawson wirkt noch das Bier vom Vorabend nach, er bleibt zurück.

Plötzlich Bewegung und Gekreische in den Baumwipfeln. Die seltenen schwarz-weißen Flugaffen mit langem weißen Schwanz sind sogar kamerabereit.

Die schlammverschmierten Bergstiefel werden an einer gefassten Wasserstelle gereinigt. Koch und Träger werden freundlich dankend verabschiedet.

Die Prozedur der nunmehr vorzunehmenden Gipfelbucheintragungen zwecks Urkundenausstellung geht deutlich schneller als bei Tourbeginn die Ersteintragung, obwohl wir über 40 min auf unseren Guide warten mussten, der die Permits in der Tasche hatte.

Die Eintragung von acht Dänen im Registrierungsbuch mit Gipfeleintrag auf Uhuru reizen zu der sarkastischen Nachfrage, wo sich diese auf dem sehr überschaubaren Uhuru versteckt hatten.

Dawson erhält endlich die Urkunden für uns. Wir müssen noch ungefähr einen Kilometer talwärts ins Dorf Mweka auf 1700 m laufen, da der miserable Weg mit zahlreichen großen Steinen auch in den Fahrspuren um die Autos fürchten lässt.

Im Dorf bieten zahlreiche Verkaufsstände wieder Lanzen, Speere, Pfeil und Bogen sowie Holzschnitzereien an.

Mit altem Kleinbus gehts wieder an mehr oder weniger geordneten dreietagigen Erdknollen-, Kaffee- und Bananen-Plantagen vorbei.

Joseph erklärt uns über Dawson, dass hier jährlich 3 bis 4 Ernten der Drei-Etagen-Wirtschaft dazu führen, dass nur ca. 100 m2 Fläche für die Versorgung einer Großfamilie reichen. Allerdings würde es inzwischen zu viele Nachfolger pro Familie geben.

An preußisch ausgerichteten reinen Kaffeeplantagen vorbei fahren wir geradeaus abwärts ins Tal direkt nach Moshi hinein. Der Fahrer stellt einfach den Motor ab und bremst ab und zu.  

In Moshi wird zu kurzer Einkaufspause für Kili-T-Shirt und eigentlich besser zu Deutsch- Südwest passendem Lettow-Vorbeck-Hut gehalten und sofort zum Hotel weitergefahren.

Hier bekommen wir nun ein Zimmer auf der Pool-Seite, duschen uns als erste Körperwäsche nach 7 Tagen ausgiebig, hängen Schlafsäcke und Iso-Matten sowie Socken über die Geländer zum Trocknen und Lüften.

Dann rücken wir zum Abschlusstrunk mit Urkundenüberreichung und Tip-Übergabe mit Dawson und Joseph in die Garden Bar ein.

Der Schwatz mit beiden bringt wieder neue Erkenntnisse. Sie halten die Deutschen für familien- und kinderfreundlich, was bei ihnen nicht so wäre.

Hinsichtlich Erfahrungen mit den verschiedenen Nationalitäten hätten sie immer wieder Probleme mit Italienern gehabt, da diese laufend herummäkeln und wenig Tip herübergeben würden.

US-Amerikaner wollen offenbar mehr Komfort, obwohl der Charakter einer Trekking-Tour unter einfachsten Bedingungen an einem hohen Berg in der Wildnis vorher bekannt wäre.

Dawson meint, wir wären die zwei, die in seiner gesamten Guide-Laufbahn während der Tour am wenigsten getrunken haben.

Wir erklären ihm, dass wir die Trinkempfehlungen von 1 Liter pro Tag je 1000 Höhenmeter oder nach anderen Empfehlungen pro Stunde Wanderung einen Liter zusätzlich für übertrieben halten, weil das Ganze zur Ausschwemmung von Magen und Darm und daneben zu Gehirnbelastungen führen kann.

Wir danken den Beiden herzlich mit „Asante, Asante“ und lassen bei einigen Kilimanjaro Beer den Tip freundlich hinüberwachsen.

Nach anschließender Safari im Arusha Nationalpark werden sämtliche Sachen gepackt und die Heimreise angetreten.

Einige Empfehlungen:

1. Tourdurchführung im Juli oder August nach in dieser Zeit direkt vor der Tour in den Alpen möglichen Höhenanpassung.

Grundregel: Mehrere Tage oberhalb 2500 m schlafen und lange Touren jeweils deutlich über 3000 m und zwar das ganze innerhalb von 14 Tagen vor Reisebeginn zum Kili. Sonst ist der Effekt wieder weg.

Eine Höhenanpassung in der Nähe des Kili in einer einheitlichen Reise ist risikoreich - bei der Feststellung von Anpassungsproblemen erst am Mount Meru ist man schon in Afrika, hat die Reise angetreten und hat sie bereits voll bezahlt, wenn man merkt, dass der Kili nicht zu schaffen ist. Beim Bemerken von Anpassungsproblemen in den Alpen ist man eben auch ärztlich bescheinigt (höhen-)krank und kann die Reiserücktrittsversicherung nutzen.

Für eine Kili-Tour im Januar/Februar kann man sich in den Alpen nicht höhenanpassen.

Wer in den einheimischen Mittelgebirgen nicht mindestens 30 km am Tag wandern kann, soll es lieber sein lassen.

Das gleiche gilt, wer nicht unmittelbar vor der Tour in den Alpen mehrere höhere 3000er oder noch besser 4000er bei Saas-Fee oder Zermatt besteigt - dabei aber Übernachtung oben und nicht im Tal.

2. Ethiopian Airlines buchen. Preiswert, pünktlich, freundlich und im Flugpreis ist auch noch Rail & Fly einschließlich ICE deutschlandweit enthalten.

Bei deutscher Reiseagentur wie schulz-aktiv-reisen Tour und Flug mit allen Nebenleistungen wie Transfer Flughafen-Hotel, Safari buchen. Das drastische Risiko bei mehreren einzelnen Direktbuchungen vor Ort mit massiven bürokratischen Hemmnissen und ohne Reiseleistungssicherungsschein entfällt dadurch.

Auch Besteigung vorher buchen - wir hatten in Moshi eine Schweizerin, die keinen Führer und keinen Gruppenanschluss fand, weswegen die ambitionierte Dame nach einer Hotelnacht in Moshi am nächsten Tag nach Dar es Salam fliegen „durfte“, um von dort aus für die nächsten Tage die Genehmigung für eine Besteigung „organisieren“ zu können. Es gab nämlich in ganz Moshi kein freies Hotelzimmer und auf absehbare Zeit keinen Guide mehr.

3. Anflug zum Kilimanjaro Airport direkt - also nicht nach Mombasa oder Nairobi. Sonst kommt man vom relativ kühlen Mitteleuropa erst in die subtropische Region von Mombasa oder Nairobi mit entsprechenden körperlichen Umstellungsproblemen und geht nach sehr langer Busfahrt danach wieder auf den kühlen bis sehr kalten Kili mit nochmaligen körperlichen Umstellungsproblemen. Probleme mit dem Magen und Darm sind dann vorprogrammiert.

Deshalb auch keinerlei Safari vor dem Kili - danach ist Tansania oder Kenia offen.

4. Die Höhenkrankheit ist das Haupt-Risiko während der Tour.

Ist Folge der Unterversorgung des Gehirns und anderer Körpergewebe mit Sauerstoff und die dadurch ausgelösten Kompensationsmechanismen.

Sie kann auch in den Alpen bereits ab 2500 m auftreten.

Jüngere und konditionell Stärkere sind eher gefährdet, weil sie ihr Aufstiegstempo zu schnell wählen.

Im Gipfelbereich des Kili liegt der Luftdruck nur noch bei 50 % gegenüber Meereshöhe.

Es gibt niemanden, der sich oberhalb 5300 m perfekt akklimatisieren kann - hier gibt es nur noch Adaption und Verbrauch von Reserven.

Jemand, der einmal höhenkrank war, wird mit großer Wahrscheinlichkeit wieder an Höhenkrankheit leiden.

Auslöser sind höhentaktische Fehler in Form zu raschem Aufstiegs, Überanstrengung, Alkohol (Anmerkung: auf der Marangu Route in allen Hütten, also auch während des Aufstiegs Bierverkauf), Flüssigkeits- und Mineralmangel durch vermehrte Ausscheidung, Infekte und Schlafmittel.

Höhenkrankheit kann auch beim Abstieg, insbesondere beim Abstieg vom Lava Tower oder am Gipfeltag beim Abstieg auftreten - genau dann, wenn durch die nun geringere Anstrengung das Hyperventilieren scheinbar nicht mehr notwendig ist und man dadurch plötzlich in eine Sauerstoffmangel-Situation gerät.

Aufgrund der Bescheibungen von erfolgreichen Besteigern als mehr oder weniger harte Trekking-Tour ohne Steigeisen und ohne Seil in dieser Höhenlage trauen sich Leute an den Berg, die entweder überhaupt nicht oder völlig ungenügend vorbereitet sind.

Die Mehrzahl der anreisenden Gipfelaspiranten kommt offenbar nicht oben an - die schreiben dann aber auch keine Berichte.

Leichte Höhenkrankheit ist ab einer gewissen Höhe sozusagen der Normalfall, der zwar unangenehm ist, sich aber mit zunehmender Akklimatisation wieder bessert.

Aspirin ASS100 (Wirkstoff: Acetylsalicylsäure) zur Hemmung der Blutgerinnung einpacken und gegebenenfalls bei entsprechenden Ergebnissen einer vorherigen ärztlichen Konsultation zu Hause vor Tourbeginn ab Tag 3 vorbeugend einnehmen - gleiches gilt für Heparin als Prophylaxe gegen Thrombose, wobei es das als Einmal-Spritze gibt.

Normal konstituierte Bergsteiger sollen während der ganzen Zeit in großer Höhe über 5000 m keinerlei Medikamente prophylaktisch einnehmen, da Symptome einer möglichen Höhenkrankheit unterdrückt und deren frühzeitige Erkennung verzögert wird.

Der Tag 3 wird für die Machame Route praktisch in jeder Beschreibung als der erste mit massiven Höhenkrankheitsproblemen bei großen Teilen der Besteigergruppen angegeben - das schließt Probleme an den Tagen 1 und 2 bei kleineren Teilen der Besteigergruppen nicht aus.

Diamox als vorbeugende Arznei gegen Höhenkrankheit wird mehrfach als gefährlich eingeschätzt.

Analgin ist nur ein Kopfschmerzmittel - die damit verbundene Unterdrückung von Symptomen der Höhenkrankheit ist gefährlich, da die Höhenkrankheit selbst damit nicht bekämpft wird.

Im Zweifelsfall bei Auftreten von Höhenkrankheit selbst absteigen, solange man noch kann.

Das Problem ist: Der Erkrankte selbst kann oft nicht einschätzen, dass er überhaupt ein Problem hat.

Frühzeichen sind Kopfschmerz, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Leistungsabfall, Wasseransammlungen unter der Haut (Ödeme). Aufstieg abbrechen, Nachtruhe abwarten. Nur bei Verschwinden der Symptome am nächten Morgen Aufstieg langsam fortsetzen.

Warnzeichen sind konstante schwere Kopfschmerzen, schwere Übelkeit, Erbrechen, Atemnot in Ruhe, Gangunsicherheiten, Benommenheit, dunkler Harn und Harnmenge kleiner als ein halber Liter pro Tag - bereits hier ist sofortiger, auch nächtlicher, Abstieg (niemals ohne Begleitung) über mehrere hundert Höhenmeter unabdingbar notwendig. Warten auf gleicher Höhe nächtens im Zelt wegen Dunkelheit ist gefährlich!

Alarmsymptome sind Verwirrtheit, schwere Atemnot in Ruhe, unstillbarer Husten mit braunem Auswurf, bläuliche Lippen, fehlende Harnproduktion - akute Lebensgefahr mit Abtransport um einige hundert Höhenmeter tiefer sofort nötig. Eigenabstieg kaum noch möglich.

Alle Agenturen bieten Oxygen (Sauerstoff) in zwei Kanistern für insgesamt 30 US-Dollar und auch Hyperbaric pressure bag (Überdrucksack) für 100 US-Dollar pro Gruppe an.

Der Hyperbaric bag bzw. nach den Herstellerfirmen Certec- oder Gamov-Bag ist ein mit Handpumpe aufblasbarer geschlossener Rettungssack einschließlich Sichtfenster, in welchem der Patient stabilisiert werden soll. Wer so ein Ding einmal gesehen hat, Platzangst hat oder zusätzlich noch wegen Erschöpfung zappelt, geht dort sowieso nicht freiwillig hinein.

Normalerweise sollen 1 - 2 Stunden im Bag genug sein, sowohl für den Patienten als auch für die Außenstehenden, die ständig Luft nachpumpen müssen und dadurch selbst wegen anstrengender körperlicher Tätigkeit regelmäßig in der Höhenlage zwischen 4000 und 4600 Höhenmeter in das Risiko der Überbeanspruchung geraten.

Beide Angebote sind nicht zur Vorbeugung, sondern nur zur Behandlung der bereits aufgetretenen Höhenkrankheit zur Verhinderung von Lungenödem, Hirnödem oder Todesfall geeignet, dabei der Überdrucksack für schwere Fälle. Für 12 Stunden Beatmung werden etwa 3000 Liter Sauerstoff benötigt - Dosierung 2 - 4 Liter/Minute.

Inwieweit Besteiger hier anhand des Merkblattes eines Tropeninstitutes Selbstmedikation mit vorher selbst gekauftem Nifedipin 20 mg alle 6 Stunden als dem sogenannten Medikament der ersten Wahl zur Verbesserung des Sauerstoffangebots und Verminderung des Sauerstoffbedarfs der Gewebe oder mit Fortecortin 4 mg Tablette alle 6 Stunden zur Behandlung des Hirn- oder/und Lungenödems vornehmen, müssen sie selbst als eigenes Risiko einschätzen.

Das Problem besteht hier darin, dass diese Art Selbstbehandlung erst zu einem Zeitpunkt in Betracht gezogen wird, wo es regelmäßig zu spät sein düfte - ein zitternder oder phantasierender Besteiger kann weder ein Medikament herausholen noch die Dosierungsanleitung lesen.

Einem anderen in der Wirkung unbekannte Medikamente „zu verabreichen“, kann zu unvorhergesehenen drastischen Folgen führen. Die Verantwortung einer auch nur möglichen Verursachung von Dauerschaden oder Tod sollte aus moralischen und juristischen Gründen beachtet werden.  

Am Kili gibt es keinen Arzt - ein eventuell zufällig vorhandener Arzt in einer Besteigergruppe muss als beispielsweise Hautarzt nicht unbedingt Ahnung oder gar Kenntnis von Höhenkankheit und deren Behandlung bei einem bis dahin völlig unbekannten Patienten haben.

Am Tag nach der Erstveröffentlichung dieses Berichtes im Internet hat mich eine Sportmedizinerin aus einem südlichen Ländle angerufen, die mit Freundin auf den Kili steigen wollte. Es stellte sich nach kürzester Gesprächszeit am Telefon heraus, dass sie bei ihren Bergwanderungen noch nicht einmal 3000 m hoch gewesen war. Kommentar überflüssig.

5. Eigene kleine Gruppe bilden oder nur mit wenigen bekannten Bergfreunden losziehen. Dadurch wird das Risiko starker Leistungsschwankungen mit der beschriebenen Gefahr des Abgangs ganzer Gruppen direkt vor den Gipfel wegen Schwächen einiger Teilnehmer zumindest deutlich gemildert.

Die 150 - 120 Euro Mehrkosten je Person und bei wachsender Gruppenstärke sind gut angelegt.

6. Machame-Route ist wegen der landschaftlichen Verschiedenheit und Urwüchsigkeit in ihrem sportlichen Charakter mit 3 Tagen zwischen 4000 und 4600 m als Höhenanpassung innerhalb der Tour vor dem Gipfeltag zu empfehlen.

Dabei sind 7 Tage Tourdauer sinnvoll - keine Übernachtung zweimal im gleichen Camp, besser mit Übernachtung im Karanga Camp bei Teilung der sonst zu langen Tour vom Barranco Camp zum Barafu Camp unmittelbar vor dem Gipfeltag.

Beachten, dass das eine Zelttour ist - wirklich warmer Schlafsack und Biwak-Sack sind zu empfehlen. Für die Einschätzung Schlafsack bitte die Komfort-Temperatur-Angabe als Orientierung nutzen, da die anderen Angaben nur auf Überlebensfähigkeit hinweisen. Wegen der feuchten Kälte Kunstfaser-Schlafsack nutzen.

Eigenes Zelt zwar machbar, aber nicht sinnvoll - es muss dann täglich selbst auf- und abgebaut werden.

Winter-Bergstiefel sind für den Gipfeltag unbedingt notwendig. Vorher und ab Barafu abwärts reichen normale wasserdichte überknöchelhohe Trekkingschuhe.

Für persönliche Hygiene alkoholgetränkte Feuchtetücher mit Entsorgungsbeutel einpacken.

7. Rechtzeitig vorher Impfungen gegen Gelbfieber, Tetanus/Diphterie, Typhus, Hepatitis A+B, Malaria.

Wir haben auch am Gipfeltag die Malaria-Tabletten genommen, allerdings erst nach der Ankunft im Mweka Camp.

Die Impfungen sind kein Spaß - trotz hoher Kosten von insgesamt über 280 EUR pro Mann und Nichtkontrolle eines Impfausweis am Flughafen aber eben nötig.

Alles andere wäre Hassard - ein Berufskollege hat sich so auf Sri Lanka die Gelbsucht für sein weiteres Leben eingefangen.

8. Salz, Pfeffer sowie Paprika zum eigenen Würzen mitnehmen und Imodium-akut-Tabletten gegen auftretende Darmprobleme gleich zu Hause einpacken.

Elektrolyt-Getränke mindestens für den Tag vor dem Gipfel und den Gipfeltag mitnehmen.

Traubenzucker bringt bei den langen Touren nicht nur nichts, sondern verschärft wegen der nur kurzfristigen Wirkung und drastisch erhöhtem Wasserbedarf die Risiken.

9. Aktuelle Tip-Empfehlungen als Orientierung von Zara Tours für 2009 lauten 15 bis 20 US-Dollar pro Tag für Guides, 10 bis 12 US-Dollar pro Tag für Assistant-Guides, 5 bis 8 US-Dollar für Cooks und 6 bis 10 US-Dollar pro Tag für Porters.

Das ist jeweils für die ganze Gruppe und nicht pro Besteiger gedacht. Die Undeutlich-keit hinsichtlich der Beträge für Cooks (wahrscheinlich gemeint pro Tag) und der Porters insgesamt oder je Porter stammt nicht vom Autor.

Für 8 Besteiger wird normalerweise ein Guide, für 3 Besteiger ein Assistant-Guide und für 8 Besteiger ein Koch gerechnet.

Bei einer 7-Tages-Tour werden normalerweise 3 Porters pro Besteiger gerechnet - das Minimum der Porters pro Gruppe wird aber mit 5 angegeben.

Der Tip insgesamt wird als Orientierung pro Besteiger für eine 6-Tage-Tour mit 200 US-Dollar angegeben.

Gifts (Geschenke) in Form warmer Kleidung, Schuhe und Rucksäcke werden „erwartet“.

Unsere Kili-Tour an sich hat pro Mann 1.315 EUR einschließlich Flughafentransfer hin und zurück gekostet.

Der Flug mit Ethiopian Airlines 870 EUR einschließlich Rail & Fly inkl. ICE pro Mann.

Hinzu kommen rund 280 EUR für Impfungen und 200 US-Dollar Tip jeweils pro Mann.

2009 wird die Kili-Tour auf der Machame über 6 Tage mit 1.110 EUR und der Verlängerungstag mit weiteren 170 EUR z. B. von Schulz-Aktiv-Reisen angeboten. Diese Preise sind niedriger als bei Direktbuchung in Tansania.

Die Flugkosten sind 2009 wie 2006 - im Februar 2009 sind allerdings auch super günstige Flüge mit Condor zum Kilimanjaro Airport für 299 EUR oder „Normaltarife“ bei Lufthansa für 1.800 EUR buchbar.

Safari und Zusatzübernachtung wegen Safari sowie Lunch kommen jeweils hinzu.

10. Tourenstöcke haben bei unserer Tour nur die beiden Canadier und ein Teil der später hinzustoßenden Schotten genutzt - allerdings niemand vom Barafu Camp hoch zum Gipfel und vom Gipfel runter zum Barafu Camp.

11. Als Literaturhinweise:

Peter Rotter, Kilimanjaro Tansania, Brigitte Rotter Eigenverlag, 11. Auflage 2007 mit Karte - www.peter-rotter.de                        ISBN 978-3-92239-633-8

Reinhard Dippelreither, Tansania: Kilimanjaro; Conrad-Stein-Verlag, 7. Auflage 2008, www.conrad-stein-verlag.de                        ISBN 978-3-86686-044-5

Reinhard Dippelreither, Kilimanjaro Lesebuch, Conrad-Stein-Verlag, 3. Auflage 2007,

www.conrad-stein-verlag.de             ISBN 978-3-86686-126-8

www.tropeninstitut.at/hoehen.htm wegen Höhenkrankheit und Impfungen

12. Bergsteigen ist ein sehr gesunder Sport!

Bergsteigen ist eine Tätigkeit, bei der man mit großen körperlichen Anstrengungen und Strapazen unter Lebensgefahr zu dem Punkt zurückkehrt, an dem man sich gerade befindet.

13. Der Kili ist machbar.

Impavidi progrediamur. Unerschrocken voran.

Reiner Brumme, Chemnitz                Marcus Brumme, Hohenstein-Ernstthal

0371/808 11 88                                  0176 / 811 30 427