Aktuelle Tourenberichte

Ausbildungskurs GL1 Dachstein 2009

von Peter Haugk und Silke Sinkwitz 

Elf Neulinge mit Begleitschutz wagen die ersten Schritte aufs ewige Eis

Tourenberichte wurden schon auf Papiertaschentücher, Wanderkarten  und in den Wind geschrieben. Unsere Alternative steht hier...                      

Voller Erwartungen stapfen wir unter Aufsicht unserer Ausbilder Ivonne und Ronald am 01.Juli am Rande des Hallstädter Gletschers in Richtung Simonyhütte. Der schwere Rucksack lässt uns schnell auf Betriebstemperatur kommen.

Eigentlich wurde uns die Wegempfehlung (3 Stunden Gehzeit) über Obertraun gegeben.

Jetzt freue ich mich, doch den Weg der Gruppenanreise gewählt zu haben. 1,5 Stunden gesparte Energie. Aber wieso gehen wir ohne Seil und Steigeisen hier lang? Ist das nicht gefährlich? Alle laufen Ronald hinterher. Meine Gedanken macht sich wohl keiner?!

Und wann lässt sich der Dachstein mal blicken?

Die Zeit bis zum Abendessen überbrücken wir mit der Besteigung des Schöberl. Zügig geht’s über den Klettersteig nach oben. Der heranziehende Regen mahnt uns zur Eile. Aber wir sind nicht schnell genug, dafür nass.

Nach dem Abendessen treffen wir uns, mit Karabinern und Reepschnüren bewaffnet, um die im Vorbereitungskurs gelernten Knoten zu üben. Die grauen Zellen finden sich nur langsam in die Materie hinein. Hoffentlich kann ich mir die bis morgen merken...

Nach einer Nacht im Lager mit zu vielen Schnarchern und zu wenig Schlaf wird es ernst.

Gestärkt von einem kräftigem Hüttenfrühstück, mit leichtem Marschgepäck und in voller Ausrüstung starten wir pünktlich 8.00 Uhr in Richtung Gletscherzunge. Wir beginnen mit Gehübungen auf  Firn , gehen mit Steigeisen auf Eis, üben verschiedene Steigtechniken und gewinnen nach und nach Vertrauen ins Material und uns selbst. Sprünge auf dem Eis – wer hätte das gedacht. Langsam  nähern wir uns in Seilschaften dem Plateau. Am Fuße der Dirndl bekommt Ronald einen Wurf-Anfall – und unsere Pickel landen 25 Meter tiefer im Windkolk des Dirndl. Unser Versuch eines kontrollierten Abstieges endet in einer wilden Rutschpartie im Doppelpack. Wir graben T-Anker und wiederholen  die Bergungstechniken. Bald erregen die Übungen die Aufmerksamkeit der vorüberziehenden Sandalenpilger und Kurzarm-(und Bein-)Damen.

Ständig die aufziehenden Wolken im Blick kehren wir zurück zur Hütte. Nach 8 Stunden Ausbildung in Eis und Schnee dürfen unsere nassen Klamotten in den bullig warmen Trockenraum. Wenn nicht dieses penetrante Schweiß-Aroma in der Luft läge, könnte man den glatt als Sauna vermarkten.

Ätsch, die 2.Nacht ohne Oropax überstanden!

Der Blick aus dem Fenster verspricht wieder Regen und dieser holt uns prompt beim Aufstieg am Blankeis ein. Die Handhabung von Eisschrauben und das Überqueren von Spalten am Fixseil trainieren wir im Dauerregen. Wir steigen etwas tiefer und die Sonne strahlt uns an. Geht doch, denke ich und werde schon wieder unruhig: Wo will Ivonne nur mit uns hin? Wir besteigen einen mit Firn bedeckten Steilhang.

Bremsübungen - aber doch wohl nicht da runter ?- denke ich. Jetzt weiß ich, warum die Sonne lacht. Kein normaler Mensch rutscht freiwillig auf dem Rücken liegend, mit dem Kopf zuerst einen Hang hinunter, der so steil ist wie dieser. Der Schnee dringt trotz wasserdichter Kleidung in alle Ritzen. Es ist kein Ende der Rutscherei in Sicht, bis nicht auch der Letzte alle Stellungen ausprobiert hat. Durchnässt – sei es vom Angstschweiß, wegen der Anstrengung, oder von Regen und  Schnee - steigen wir in Hüttennähe ab. Ein Fels dient uns als Gletscherspalte. An ihm üben wir die Selbstrettung mit Brusikschlingen und Gardaklemme. Auch Lose Rolle und Schweizer Flaschenzug stellen nun kein Problem mehr dar. Nur der Regen zwingt uns am späten Nachmittag zum schnellen Rückzug in die schon gut gefüllte Hütte.

Zügig stimmen wir die Tourenplanung für den nächsten Tag ab. Es soll natürlich auf den Dachstein gehen,  über Steinerscharte Gosaugletscher und Westgrat. Noch träumen wir von Sonnenschein und veranschlagen einen Weg von 4-5 Stunden.

6.00 Uhr wecken. Ohne Oropax braucht man nicht geweckt zu werden - man ist wach.

„Heute kein Saft zum Frühstück?“ frage ich- und bekomme prompt die Ansage:„Gibts nicht, zu viele Leute auf der Hütte!“ Geht ja gut los.

Der Wind pfeift. Es ist 7.00 Uhr und Nebel zieht über uns hinweg. Es ist ungemütlich - eigentlich ein Tag zum weiterschlafen.

Unsere Orientierung bei Sichtweiten unter 50m ist fast null. Vielleicht würden wir heute noch den Einstieg in die Steiner-Scharte suchen, wenn nicht unser „Touri“ sein Bergführerwissen eingebracht hätte. Die Hoffnung auf Sonne und Sicht auf dem Gipfel des Hohen Dachstein lässt uns fast ohne Pause weiterlaufen. Die Kondition teilt uns am Klettersteig in 2 Gruppen. Der Gipfelaufenthalt mit Nebel, Regen und Kälte treibt uns nach einem kurzen Snack und einigen Fotos hinunter in Richtung Seethaler Hütte - ins Trockene und Warme. Schnell noch ein Fixseil zur Überwindung der Randkluft  und dann das: in der Seethaler Hütte sind alle Plätze restlos belegt. Dank der Sonne, die sich kurzfristig, aber nicht anhaltend zeigt, werden doch ein paar Plätze frei. Bei Apfelstrudel und Kakao vergessen wir schnell die Strapazen. Über den Hallstädter Gletscher geht es zurück auf die Simonyhütte. Einen Sturzversuch unseres „Touris“ Ronald in der Seilschaft auf dem Gletscher können wir erfolgreich abfangen. Hat sich die Ausbildung doch gelohnt!

Am Abend findet eine ausführliche Tourenbesprechung mit anschließender Manöver- und Kurskritik statt, bei der wir noch einmal Revue passieren lassen, was wir in dieser Woche alles gelernt haben und wie notwendig eine grundlegende Ausbildung für Hochtouren ist. So klingt der Samstagabend, und damit unsere Kurs, gemütlich bei dem einen Glas Wein oder Bier aus. Wir kriechen ein letztes Mal, zufrieden mit uns und dem Kurs, in unsere Schlafsäcke.

Der Sonntag zeigt sich von einer schöneren Seite und so können wir unseren Abstieg, der eigentlich ein Aufstieg zur Seilbahn an der Südwand ist, mit Sonne und  Aussicht genießen. Zwei Teilnehmer unserer Gruppe haben das Lager bereits 5.00 Uhr verlassen, um dem Gjaidstein noch einen Besuch abzustatten. Gut gelaunt erreichen wir die Talstation und müssen nun leider Abschied nehmen - von den Bergen und von der Gruppe, da noch eine weite Heimfahrt für uns alle ansteht.

Vielen Dank an Ivonne und Ronald für eine äußerst lehrreiche und vor allem erfahrungsreiche Zeit, für die gewisse nötige Hartnäckigkeit an so manchen Knackpunkten. Vielen Dank auch an die ganze Gruppe für einen schönen Sommerurlaub im Schnee. Wir würden jederzeit wieder mit Euch auf Tour gehen!