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Gletschertouren im Ötztal - September 2009

von Klaus Drechsel

Angefangen hat’s in Vernagt. Von dort aus bin ich im Nebel zum Niederjoch aufgestiegen. Unmittelbar vor dem Sattel kam ich aus den Wolken. Plötzlich stand ich im Sonnenschein, hatte über mir strahlend blauen Himmel und sah den Similaun mit dem Niederjochferner. An der Similaunhütte waren Leute am Packen: Steigeisen, Pickel und vieles andere, was ich nicht kannte. Richtige Bergsteiger eben. Aber toll sah es aus. Da ’rauf, das wär schon was. Für so einen Wanderer wie mich jedoch wenigstens eine Nummer zu groß. Das war an einem Samstag im Herbst 2006. Es war, wie ich grad nachgelesen hab, der 23. September.

Und nun, auf den Tag genau drei Jahre später, begann meine erste Hochtour. Gestartet sind wir in Vent. Anke, Ronald und ich. Im Rucksack nur das Nötigste: Trinken, Essen, Ausrüstung und bissel was anzuziehen. Den Fotoapparat hab ich mir gespart. Ich wollte ja oben ankommen.

Zum Hochjochhospitz ging es noch gemächlich aufwärts. Ronald hat das Seil geschleppt, ich mich. Dort gab es Wasser aus der Leitung und Essen aus der Küche. Abends dann in die Alpenvereinskarte geschaut. Da, wo wir hin wollen, alles weiß. Wow! Das war jedoch der Stand von vor zehn Jahren.

Am nächsten Morgen ging es also über steinige Wege aufwärts, irgendwann dann doch ans Eis. Meine Steigeisen aus Alu angeschnallt. Ronald lästerte schon, dass die Dinger noch so unbenutzt seien. Dabei wusste er doch, dass ich sie beim Kurs am Dachstein schon in Gebrauch hatte. Er wusste aber auch, dass sie dort beim Verlassen des Eises immer ganz schnell ausgezogen hatte. Aufwärts über Eis. Gletscherspalten sehen toll aus, wenn man bei Sonnenschein ’dran vorbei geht (und dabei ist es auch geblieben). Irgendwann erreichten wir Schnee. Und es ging steil aufwärts. Es war also doch kein Spleen von Ronald, dass er uns beim Kurs die Schneewand am Dirndl hochgescheucht hat. Mit Rucksack ist’s dann noch bissel schwerer. Kein Grund zur Panik, die beiden haben mich von oben gesichert. Steigen musste ich trotzdem selber. Und der Schnee gab immer wieder nach. Am Grat angekommen ging’s noch ein bissel über Schnee und dann über Fels auf den ersten Gipfel. Der Ausblick von der Vorderen Hintereisspitze (3437m) war umwerfend. In allen Richtungen Gletscher. Nicht bloß wie damals am Similaun der eine Ferner. Das Brandenburger Haus wie eine Festung zwischen den Gletschern: Links, rechts und sogar darüber. Und da hinten, neben dem Fluchtkogel, das Obere Guslarjoch (3361m), über das wir die Vernagthütte (eigentlich deren Winterraum) erreichen wollen. Ist ja so etwa unsere Höhe. Und jetzt geht’s ja erst mal abwärts. Abwärts? Scheiße, das müssen wir ja fast alles wieder hoch! Anke hat ein gleichmäßiges Tempo angegeben, mit dem ich sehr gut zurecht kam. Ich hab geschnauft wie ein Walross, aber es ging nicht an die Substanz. Im Abstieg sahen wir dann jemanden am Winterhaus und als wir ankamen rauchte schon der Schornstein. Bestens organisiert. Frisches Brot, Wurst, Käse & Gletschermilch als Waschwasser hatte Axel herangeschafft. Wir hatten im Abstieg am Gletscher alle Gefäße mit Schmelzwasser gefüllt, also konnte das Kochen beginnen. Ein leerer Eimer stand in der Küche noch bereit. Ronald & ich haben uns auf die Suche nach klarem Wasser gemacht. Naja, Suche... Ronald wusste die Richtung. Erst mal ’runter und ’drüben wieder hoch. Das ’drüben hoch konnten wir uns sparen, denn es gab schon vorher ein klares Bächlein. Also nur hüben wieder hoch.

Zum Frühstück hatten wir es dann sogar geschafft, das Licht einzuschalten. Aufbruch in Richtung des Großen Vernagtferners. Auch er hatte sich zurückgezogen und es ging weit über Stein. Am Eis angekommen hab ich mir meine Gamaschen verpflastert. Tja, breitbeinig zu laufen hatte mir Ronald ja immer wieder erklärt. Vor dem Geröllhaufen „Hochvernagtspitze“ (3539 m) eine Rast. Es ging immer wieder von dem Geröll ab. Wir sind auf den Grat und haben Ausschau gehalten. Der Vernunft gehorchend haben wir uns die letzten Meter geschenkt. Auf dem weiteren Weg über den Großen Vernagtferner abwärts hab ich eine Lektion bekommen, wozu Antistollplatten gut wären. Im Gegenanstieg führte der Weg dann weitestgehend über Eis & Schnee. Also auch mit den Steigalus über Fels. Das es ging. besser als ich gedacht hatte. Sogar das letzte Stück zum Taschachjoch (3236m). Ich würde es Sandrutsche nennen. Ähnlich nervig wie am Tag vorher das steile Stück Schnee. Abwärts dann auf Stein, Schnee & Eis über den Urkundsattel (3060m) in Richtung des Taschachhauses. Am Ende des Gletschers wussten wir zwar wohin, aber das war weit unten. Axel fand einen Weg nach unten, dabei mussten wir den Gletscherbach queren. Meine Hose trocknet ja schnell. Unten angekommen war uns klar: Der Normalweg kann das nicht sein. Nur noch fix bis zur Hütte. Dabei vereinzelte Regentropfen. Auf der Hütte der reinste Luxus: Wasser aus der Leitung, warme Dusche, Essen wohlschmeckend und bis zum Abwinken. Abends dann Regen. Wir waren auf der Pitztaler Seite und ein Abstieg hätte uns nicht zum Auto geführt.

Am Morgen war es dann wieder schön. Also stand dem Aufstieg zur Wildspitze nichts im Weg. Ronald hatte sich beim Wirt nach dem Weg erkundigt. Gut so, denn der auf der Karte eingezeichnete Weg über die Moräne wär bestimmt nicht so leicht zu gehen gewesen. Axel fand auf dem Weg zum Gletscher auch eine Gamasche, die so ganz genau zu der Gamasche passte, die noch an meinem Rucksack hing. Ein Glück, dass er dort hinter mir gegangen ist. Die Wolken sanken und wir konnten die Wildspitze sehen. Schöner Anblick. Also mussten wir „bloß“ noch hoch laufen. Am Schnee angekommen stellten wir fest, dass doch noch andere Menschen in den Bergen unterwegs sind. Das erste Mal auf unserer gesamten Tour. Der Weg war gut getreten. Anke hat geführt und wieder das mir genehme Tempo vorgegeben. Ein Steilstück vor dem Sattel, dann konnten wir Aussicht genießen. Dass wir am Gipfel nicht damit rechnen konnten, war abzusehen. Das letzte Stück eine leichte Kletterei mit Steigeisen. Auch das geht. Bei mir eben langsam. Ich will ja erst mal hoch und dann mit den Anderen wieder ’runter. Am Gipfel dann erst mal das Treffen mit der vorhergehenden Seilschaft. Nun wussten wir, wer da ohne Steigeisen das Steilstück hoch war: Der Bergführer mit, wie Ronald „aufgeklärt“ wurde, 15-jähriger Erfahrung. Die anderen Seilschaften stiegen den Aufstiegsweg abwärts, wir haben den Gipfel überschritten. Abwärts im Schnee. Ich hab mich lieber von Ronald an die Leine nehmen lassen. Ja und wo’s abwärts geht, geht’s ja oft auch wieder aufwärts. Dieser Gegenanstieg zum Rofenkarjoch (3315) hat mich gefordert. Länger hätte es nicht mehr gehen dürfen. Da hab ich angefangen zu überlegen, ob diese erste Tour eher zum An- oder zum Abgewöhnen taugt. Der Abstieg führte auf dem Eis des Rofenkarferners paar hundert Meter abwärts. Das muss dann einfach klappen. Eine zweite Chance gibt es nicht. Also war die Geduld der Anderen gefordert. Am Ende des Eises hat Axel dann noch mal gewartet.

An der Bresslauer Hütte war schon viel Betrieb. Zehn Winterraumgäste waren bereits da, auf dem Aufstieg waren weitere Anwärter auf die 22 Plätze zu sehen. Also haben wir uns auf den Abstieg geeinigt. Axel war schon vorausgeeilt und hat uns die Betriebszeiten der Seilbahn mitgeteilt. In Vent haben wir dann noch gegessen und Ronald hat uns sicher nach Chemnitz gebracht.

Heut sind die Sachen wieder sauber und ich hab im Internet nach Antistollplatten gesucht.