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Klettern in den südfranzösischen Calanques - Mai 2009

„Und haben wir keine Mittel mehr – dann fahren wir ans Mittelmeer!“

Die Studenten der Universität von Marseille sind zu beneiden: Ihr Unigelände Luminy liegt abseits der quirligen Mittelmeermetropole in einem idyllisch grünen Talkessel, bequem erreichbar eine halbe Stunde mit dem Linienbus vom pulsierenden Stadtzentrum entfernt. Und das allerbeste ist: Nur wenige Gehminuten sind es von der Uni bis zu einem der größten und schönsten Abenteuerspielplätze der französischen Mittelmeerküste: den Calanques.

Dabei handelt es sich um einen 15 Kilometer langen, wilden und zerklüfteten Küstenabschnitt zwischen der Großstadt Marseille und dem Hafenstädchen Cassis. Als Calanques im eigentlichen Sinne bezeichnet man die kleinen, malerischen Felsbuchten, die meist nur mit dem Boot oder über abenteuerliche Fußpfade, vereinzelt auch über schmale Passsträßchen aus dem Landesinnern erreicht werden können. Hier kommen alle Arten von Wassersportlern, egal ob Taucher oder Paddler, Segler oder einfach nur Badenarren, hundertprozentig auf ihre Kosten. Für uns Kletterer ist das imposante Kalkgebirge, das sich als eindrucks­volle Kulisse bis zu 500 Meter über das azurblaue Meer erhebt, von haupt­sächlichem Interesse und gleich­zeitig auch der Grund, warum wir uns im Mai 2009 auf die 1400 Kilometer lange Reise an die französische Mittelmeerküste begeben haben. Unzählige Klettergärten mit kurzen Sport­kletterrouten, bestens abgesicherte Mehr­seil­längenrouten in kompakten Steil­wänden und vereinzelt auch abenteuerliche Klassiker aus der Pionierzeit des Felskletterns bieten eine riesige Auswahl an Zielen für garantiert mehr als einen Kletter­urlaub. Eine Spezialität der Region (von der wir allerdings die Finger gelassen haben) sind lange und anspruchsvolle Quergänge unmittelbar über dem tosenden Meer.

Als Quartier haben wir den recht preiswerten und strategisch günstig gelegenen Campingplatz „Les Cigales“ am Stadtrand von Cassis gewählt. Für die zentral gelegene Calanque Morgiou und die kleinere, aber nicht minder schöne Nachbarbucht Sugiton im mittleren Teil der Calanques ist das eingangs erwähnte Unigelände (gute Parkmöglichkeiten) der ideale Ausgangspunkt. Hoch über Morgiou thront die Felsbastion des „Crete St. Michel“. Die 120 Meter hohe Südwestwand bietet eine Vielzahl von exquisiten Touren, so dass uns die Auswahl schwerfällt. Zweimal steigen wir im Verlaufe des Urlaubs in dieses Gemäuer ein: Zunächst in die „Le Grand Diedre Jaune“ im linken Wandteil. Das Highlight ist hier zweifellos eine makellose und kraftraubende Verschneidung (franz. 5b) in der letzten Seillänge, die namensgebend für die gesamte Tour ist. Die Hakenabstände sind speziell im Verschneidungsteil etwas großzügiger als hier in der Region üblich und so staune ich, wie sich Jana im Vorstieg hier energisch hinaufstemmt. Da wir wegen Diebstahlgefahr den Rucksack nicht am Einstieg zurücklassen wollen, bin ich als Nachsteiger in dieser schweißtreibenden Passage der „Glückliche“, der die ohnehin Kraft raubenden 35 Meter auch noch mit extra Ballast bewältigen muss. Ausgepowert und durchgeschwitzt erreiche ich das Gipfelplateau.

Ein weiteres Highlight ist für uns „La Chaloupee“ im zentralen Wandteil. Vier genussvolle Seillängen feinster Wandkletterei (5c) führen hier nahezu lotrecht durch die Wand. Beim Gestein handelt es sich fast durchgängig um bombenfesten Kalk, der vereinzelt von bemerkens­werten Kristallstrukturen durchsetzt ist.

In südlicher Verlängerung der „Crete St. Michel“ überragt das helle Kalkgestein der Aiguille de Sugiton etwa 200 Meter die schroffe Küste. Auf der Nordseite ermöglicht ein schnörkel­loser Grat eine verhältnismäßig leichte Besteigung. Die vier Seillängen der „Arete Du Vallon“ (4c), die bereits vor über 50 Jahren erstbegangen wurde, weisen zwar weitestgehend homogene Schwierigkeiten auf, dennoch ist der Fels nicht immer perfekt, einzelne Schuttbänder und längere Hakenabstände bieten ein für diese Region ungewohnt alpines Ambiente. Lohnend ist die Tour aber allemal, schon allein ob der Tiefblicke auf das azurblaue Meer. Nach der schweißtreibenden Kletterei bei fast 30°C im Schatten unter einem wolkenlosen Himmel zieht uns das Meeresrauschen magisch an. Schnell sind wir zum Einstieg abgeseilt und weiter zur verwinkelten Calanques von Sugiton hinabgestiegen. So früh im Jahr bietet das glasklare Mittelmeer noch eine echte Erfrischung. Seeigel scheint es hier zum Glück nicht zu geben. Als uns nach ausgiebiger Badepause wieder die Kletterlust packt, ist der Tag schon fort­geschritten. Wir wechseln auf die sonnige Südwestseite der Aiguille, wo in unglaublich rauem und griffigem Gestein elegante Sportkletterperlen eingebohrt sind. In der Abendsonne - das glitzernde Meer zu unseren Füßen - genießen wir mutterseelenallein die beiden Seillängen von „Permission Excepitionelle“ (5c+) und hängen in unserem Enthusiasmus als Finale gleich noch die benachbarte und ebenso spannende „L'Angelvin“ (5b) hintendran. Bis wir zurück auf dem Campingplatz sind, ist es tiefste Nacht. Was soll’s! So endet ein traumhafter Klettertag zu später Stunde bei einem Berg Nudeln und provenzalischem Rotwein  im Kerzenschein.

Inbegriff der Calanques schlechthin ist En Vau. Keine andere Bucht ist so tief eingeschnitten, nirgends sonst scheint das Wasser klarer und der schmale Kieselstrand weißer zu sein. Zu beiden Seiten ist die Bucht von steilen Wänden und grazilen Felstürmen gesäumt, die teilweise 100 Meter und mehr direkt aus dem Wasser aufragen. Vor über 40 Jahren diente dieser außergewöhnliche Platz dem französischen Komiker Louis de Funes als Kulisse für eine rasante maritime Verfolgungsjagd in einem der legendären Fantômas-Filme. Seither ist die Popularität dieser Bucht, auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus, sprunghaft angestiegen.

En Vau – das ist vorwiegend ein Revier klassischer Mehrseillängentouren. In einigen Routen sind die Haken in großzügigeren Abständen angebracht – Sanduhrschlingen und Klemmkeile entschärfen jedoch etwas längere Runouts. Für uns die schönste Tour hier: „La Saphir“, ein Juwel, das seinen Namen verdient hat. Auch wenn die Route „nur“ mit 4c bewertet ist, sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser alte Klassiker, der leider schon etwas abgespeckt ist (was die Kletterei bekanntlich nicht leichter macht), alles zu bieten hat, was einen unvergesslichen Klettertag ausmacht: eine tolle Linie in spektakulärer Landschaft, bestes Kalkgestein sowie steile, abwechslungsreiche und für diesen Grad unerwartet anspruchsvolle Kletter­passagen, die immer die volle Konzentration und meist kräftiges Zupacken, mitunter aber auch trickreiches Balancieren  erfordern.

Auf dem knapp einstündigen Heimweg nach Cassis genießen wir nicht nur den Blick auf mehrere kleine Buchten, sondern sind beeindruckt von den gelben, intensiv in der Abendsonne leuchtenden Felsen des Cap Canaille (362 m), der höchsten Steilküste Frankreichs. Diese ist übrigens recht bequem über die beliebte Panoramastraße „Route des Cretes“ von Cassis zu erreichen und besonders zum Sonnenuntergang ein Platz mit hohem Romantikfaktor.

Die Calanque von Sormiou scheint auf den ersten Blick nicht so viele bekletterbare Fels­massive zu offerieren wie benachbarte Buchten. Doch der Schein trügt: Die Bucht wird im Südwesten von einer schmalen, hunderte Meter langen Landzunge begrenzt. Deren dem offenen Meer zugewandte Seite bietet in bis zu 130 Meter hohen Wänden einige der aufregendsten Klettersektoren der gesamten Region.

Wir entscheiden uns für die Wand von Conglue. Zweimal nehmen wir Anlauf, um diesen versteckten Fels zu finden. Beim ersten Mal verfehlen wir den Einstieg nur um einige Meter und landen stattdessen an den leichteren und kürzeren, aber nicht minder schönen Routen des Sektors L’Ouro. Der Zugang zu beiden Kletterwänden erfordert guten Orientierungssinn, alpinistisches Gespür und solide Trittsicherheit. Während man die Einstiege von L’Ouro über ein medizinballgroßes Loch im Felsgrat (da ist kein Durchkommen mit Rucksack oder Seil auf dem Rücken möglich – wir reichen unsere gesamte Ausrüstung nacheinander einzeln hindurch!) und entlang alter Fixseile erreicht, erinnert Conglue diesbezüglich etwas an die Klettereien in der berühmten Verdonschlucht: Mehr als 100 Meter über dem Meer quert man von eben jenem Felsgrat seeseitig auf einen kleinen Felsbalkon hinaus, wo nur wenige Abseil­ringe verraten, dass wir uns genau über den Kletterrouten befinden. Ein leicht überhängender Felsriegel am Ausstieg verhindert den Einblick von oben her in die Wand. So begeben wir uns auf eine 50 Meter lange, prickelnde Abseilfahrt ins Ungewisse (zwei Halbseile sind dabei zwingend erforderlich!), während sich tief unter uns die Brandung unrhythmisch in den steilen Klippen bricht. Die Einstiege befinden sich auf einem schmalen Felsband und sind mit Standhaken versehen, welche untereinander mit einem Fixseil verbunden sind. So gelangt man bequem traversierend zu allen vier Touren in dieser Wand.

Bevor wir beim ersten Mal das Seil abziehen und damit die sichere Rückzugsmöglichkeit kappen, mustern wir die über uns aufragende Felswand gründlich: Der feste, von der Salzluft des nahen Meeres schneeweiß gebleichte Kalkfels blendet unsere Augen. Griffig und unglaublich rau präsentiert sich das Gestein. Wellenförmig schwingt diese kompakte Wand hinauf zum von unten nicht sichtbaren Ausstieg. Solide Bohrhaken in gemäßigten Abständen weisen den Weg. Alle Routen, die sich durchweg im fünften Franzosengrat bewegen, sehen so homogen und herrlich einladend aus, dass wir nicht die geringsten Zweifel mehr haben. Nur noch wenige Handgriffe, dann sind wir startklar: Schon auf den ersten Metern klettern wir wie im Rausch. Jeder noch so kleine Tritt in diesem rauen Fels bietet ungewohnt guten Halt. Die Auswahl an Griffen ist immens, ausgesprochen große Henkel sucht man allerdings (meist) vergebens. Einige der Routen klettern wir ohne Unterbrechung an einem Stück, die anderen erfordern etwa nach einem Drittel einen Zwischenstand. Wir lassen nicht eine Route aus und vergessen dabei fast die Zeit. Als wir zum vierten und letzten Mal den Ausstieg erreichen, steht die Sonne schon tief über dem Meer. Schnell haben wir zusammen­gepackt und keine halbe Stunde später erfrischen wir uns bereits bei einem Bad in der Bucht von Sormiou, während sich die Sonne gerade hinter einem Bergrücken verabschiedet.

Beim Blättern im umfangreichen Calanques-Führer fällt auf, dass klassische Sport­kletter­gärten mit kurzem Zustieg und Wandhöhen von maximal 30 Metern Höhe das Gros der Klettermöglichkeiten ausmachen. Die immense Auswahl deckt dabei die gesamte Band­breite ab: von geneigten und kindertauglichen Wändchen, bis hin zu typischen Extrem­kletter­revieren an riesigen Überhängen und versinterten Grottendächern. Passend zu unserem Können suchen wir während unseres Urlaubs einige lohnende Klettergärten auf - hier unsere persönlichen Highlights:

Oberhalb der Bucht von Sormiou steht ein unscheinbarer Felsen, etwas abseits des schmalen Zufahrtssträßchen: La Pinede heißt diese Wand und sie bietet in der Talseite interessante Routen. Wer’s mag: Der Spalt zwischen einer vorgelagerten Nadel und der kompakten Massivwand wird klassisch als Kamin hinaufgespreizt. „Le Gendarme“ (4c) heißt die fotogene Route und ist hier inmitten der Wandklettereien eher untypisch, aber reizvoll. Gleich daneben ein weitere Schmankerl: „Le Combat Des Dames“ (5c+), ein dynamischer Einstieg hin zu einem speckigen Loch, dann kräftige, diagonal ansteigende Hangelei. Als Finale folgt eine griffarme, kompakte Platte. Ein gutes Dutzend weiterer schöner Routen, über­wiegend im fünften Grad, garantieren einen abwechslungsreichen Klettertag.

An der Zufahrtsstraße nach Morgiou gibt es wenige Kilometer vor der Bucht einen Schlag­baum: An Wochenenden und  in den Sommerferien geht es ab hier nur zu Fuß weiter. An der Schranke ist ein großer Parkplatz eingerichtet, direkt dahinter befindet sich auf einer großen Wiese, umgeben von Felsen und Kiefernwald, ein herrlicher Picknickplatz. „Les Baumettes“ heißt dieses Areal, benannt nach jenem Stadtteil von Marseille, der hier draußen seinen Anfang nimmt. Am Rande des Sektors „Lou Mistral“, gibt es einen Höhlenschacht, der unschwierig - am besten im Toprope - durchstiegen werden kann. Das besondere daran: Das gesamte Innere der Höhle besteht nicht aus Gestein, sondern aus roten, weißen und bräunlichen Kristallen von bizarrer Schönheit. Bezogen auf die Klettermöglichkeiten ist der obere Sektor („Secteur Du Haut“) der interessanteste Fels hier. Traumhaft henkelig und steil präsentiert sich die „Constellation“ (5b). Ebenso einladend und zusätzlich noch mit einem Abschluss­überhang gewürzt, ist direkt daneben die Route „Cathedral“ (5c). Als ich im Vorstieg kurz vor dem Überhang angelangt bin, macht uns ein einheimischer Kletterer darauf aufmerksam, dass der entscheidende Haken an der Schlüsselstelle locker sei. Ich überlege kurz, aber die Vorsicht überwiegt und ich kehre um. Ein wenig schade ist das bei dieser Henkelparade schon, aber dank großartiger Alternativen nur wenige Meter weiter schnell verschmerzt. Die Route „Motopuzzle“ (5c+) erfordert weite Züge an extremen Henkeln: Während ich mit einer Hand verkrampft den ersten Haken klinke, bohrt sich unter meiner Last eine scharfe Felskante in den Mittelfinger der anderen Hand. Noch Tage später sehe und spüre ich die Abdruckstelle. Vom Klettern hält mich das aber nicht ab. Direkt nebenan probieren wir die kleingriffige „Le Baiser“ (6a+) im toprope – eine wunderbare Route; im Vorstieg wäre das aber wohl eine Nummer zu groß für uns. Mit der etwas kürzeren Genusstour „Still Got The Blues“ (5b) geht einmal mehr in der Abendsonne ein spannender Klettertag zur Neige.

Selbst im sonnigen Süden Frankreichs muss man ab zu einen Regentag verkraften – dies ist eine gute Gelegenheit, um Land und Leute näher kennenzulernen. Je nachdem, ob man eine Millionen­metropole bevorzugt oder doch lieber ein malerisches Hafenstädtchen, lädt entweder Marseille oder Cassis mit seiner schönen Uferpromenade zum Stadt­bummel ein. Im Hinterland der Küste ist Aix-en-Provence, Geburtstadt des Impressionisten Paul Cézanne, ein gutes Plätzchen, um südfranzösische Lebensart zu genießen.

Für den Besuch der beiden Zisterzienserklöster Sénanque und Silvacane nehmen wir eine knapp zweistündige Fahrt in Kauf. Doch es lohnt sich: Beide Klöster geben faszinierende Einblicke in die gotische und romanische Baukunst. Außerdem liegen sie, umgeben von üppiger Vegetation, malerisch im Tal der Durance beziehungsweise in der wilden Hügel­landschaft des Luberon.

Ein letzter Schlechtwettertag führt uns nach Arles am Ufer der Rhône. Eindrucksvoll ist der Kontrast von verwinkelten Altstadtgassen und imposanten antiken Bauwerken, allen voran dem mächtigen Amphitheater. Direkt im Anschluss - die Regenwolken haben sich inzwischen verzogen - besuchen wir noch Les Baux-de-Provence, ein malerisches Dorf am Rande des Höhenzuges der Alpilles. Während im Unterdorf die typischen Steinhäuser eng an den Hang geduckt sind und viele gemütliche Geschäfte und einige noble Gästeunterkünfte beherbergen, sind von den mittelalterlichen Palästen droben auf dem Felsplateau nur noch Ruinen übrig geblieben. Einst war dies der Sitz des Herrschergeschlechts der Grimaldis, dem heutigen Fürstenhaus von Monaco. Weit reicht der Blick von hier oben über Weinberge und Olivenhaine hinweg bis in die Ebene des Rhône-Deltas hinein.

Bevor unser Urlaub zu Ende geht, wollen wir zum Finale noch einmal eine klassische Mehrseillängentour wagen. Dazu fahren wir in die Bucht von Marseilleveyre im äußersten Westen der Callanques. Bisher haben wir uns vor diesem Gebiet gescheut, weil es von unserem Quartier aus die längste und aufwändigste Anreise bedeutet – einmal quer durch die südlichen Vororte von Marseille führt der Weg. Über der Bucht, wo es Parkplätze und ein paar Fischerhäuser gibt, ragen einige markante Felsgipfel von teilweise stattlichen Höhen auf. Wir machen uns auf den Weg zum Rocher de St Michel D'eau Douce, einem wuchtigen Tafelberg. Wir bewegen uns hier in einem der trockensten Täler der Calanques und die Sonne brennt in unserem Nacken. Die breite Südwand wird links von einem markanten Grat begrenzt, der „Arete Victor Martin“. Bevor wir hier hinauf klettern, schauen wir uns nebenan eine große versinterte Höhle an. Haken und Schlingen an der Höhlendecke verraten uns, dass hier einige der schwersten Kletterrouten weit und breit (bis 9a) auf ihre Wiederholung warten.

Doch genug gestaunt; nur ein paar Meter daneben machen wir uns in weniger steilem Gelände ans Werk: Nach einem beschaulichen Start geht es in der zweiten Seillänge (5b) gleich in die Vollen. Direkt vom Standplatz weg klettern wir an speckigen Griffen in kniffliger Piaz- und Wandkletterei hinauf. Bei hochsommerlichen Temperaturen rinnt uns der Schweiß in Rinnsalen unter dem Helm hervor. Die dritte Länge ist wieder ein wenig leichter, aber verlangt vor allem von Jana, die hier vorsteigt, die volle Konzentration: Eine seltsame Verschneidung windet sich abdrängend mit viel Luft unterm Hintern direkt über besagtem Höhleneingang an einen mächtigen Felsbauch vorbei zum Stand. Die letzte und zugleich eine der spannendsten Seillängen des Urlaubs (5c) liegt vor uns: Vom Standplatz weg quert die Route einige Meter über eine trittlose Platte nach links in die Wand hinaus. Um an den entscheidenden Griff zu kommen, muss man, an zwei winzige Kanten geklammert, dynamisch zur Seite schwingen und im richtigen Moment mit einer Hand entschlossen weit hinüber fassen. Danach wird es kurzzeitig leichter, bevor das Finale mit einem geradlinigen, für die Calanques völlig untypischen Fingerriss naht. Zum letzten Mal genießen wir bei einer ausgiebigen Gipfelrast den freien Blick über das azurblaue Meer, auf Segelschiffe und auf einen einsam in der Brandung stehenden Leuchtturm.

Inzwischen sind einige Wochen ins Land gegangen und wir erinnern uns gern an diese schöne Zeit. Vor einigen Tagen jedoch schrecke ich bei einer Nachrichtenmeldung im Radio auf: Unkontrollierte Waldbrände vor den Toren von Marseille werden gemeldet. Als ich später Aufnahmen von dem Feuer sehe, bin ich mir sicher: Das Armeegelände, in dem der Brand durch eine leichtsinnige Granatenzündung, ausgelöst wurde, liegt direkt an jener Straße, auf der wir fast täglich zu den Klettergebieten gefahren sind. Während der Brände ist sie unpassierbar geworden und bleibt tagelang gesperrt. In den Supermärkten der bedrohten Marseiller Vororte haben wir abends nach dem Klettern meist unsere Einkäufe erledigt – nun sind die Menschen hier akut vom Feuer bedroht. Wie mag es jetzt wohl in Luminy aussehen? Ob die Kiefernwälder rund um die Uni auch den Flammen zum Opfer gefallen sind? Wieder einmal wird uns bewusst, wie gefährdet ein solch schöner Flecken Erde ist. Wir hoffen, dass bei unserer nächsten Kletterreise dorthin frisches Grün die verbrannten Landstriche bedeckt und dass nicht noch einmal durch ignoranten Leicht­sinn die empfindliche Landschaft zerstört wird.