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Mont Blanc – Achtung! Keine Normalwegbeschreibung!

(15. – 20. August 2009)

von Anke und Axel Fiedler

Einsam soll es sein, keine Menschenseele weit und breit, keiner ausgelatschten Spur hinterher laufen… die Herausforderung, in unbekanntem Gebiet die richtige, sicherste und schönste Route zum Ziel zu finden, reizt mich besonders. Umso schöner ist das Gipfelerlebnis. Umso tiefer bleibt das Erlebte im Gedächtnis, so beeindruckend und bewegend wie es kein Fotoapparat oder Videokamera jemals vermögen festzuhalten.

Warum ich das erzähle? Weil aus diesem Grund der Mont Blanc sicherlich nicht auf der Liste meiner begehrten Gipfelziele stand, zumindest nicht über die zwei-drei Routen, denen ich aktuell technisch gewachsen bin.

Tja, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…….

Irgendwie mussten noch Urlaubstage meiner Schwester Anke in Bergurlaub umgebucht werden. Dann rief auch noch ein Hochdruckgebiet an: „Ich wäre dann nächste Woche mal für ein paar Tage über Chamonix“ …..tja was macht man da als begeisterter Bergsteiger? Man verfällt in mehr oder weniger hektischem Treiben, da die Zeit ja etwas drängte. Innerhalb eines Tages wurde komplett durchgeplant, wobei noch mal kurz der Gedanke aufkam „Ach so, geht ja auf über 4800m…..wäre eine Akklimatisierungstour ja auch nicht ganz verkehrt!“ Und wie das bei Geschwistern ja durchaus ab und zu der Fall ist, kam der gleiche Gedanke praktisch ohne Zeitverzug: die Weißkugel im Ötztal! War sowieso schon zweimal angedacht und immer wieder ausgefallen. Also warum jetzt nicht das Nützliche mit dem Schönen verbinden?!

Für Freunde leckeren Essens, gemütlicher Berghütten und netter Hüttenwirtsleute sei die Weißkugelhütte wärmstens ans Herz gelegt. Wer warm duschen möchte, bitteschön, auch das ist kein Problem.

In der Hoffnung, den Gipfel für uns alleine zu haben, gaben wir den restlichen Gipfelaspiranten genügend Vorsprung und sind selber in relativ gemütlichem Tempo aufgebrochen. Diese Tour galt in erster Linie ja sowieso der Akklimatisierung, was allerdings nicht dazu führen sollte, fahrlässige, ja schon dumme Entscheidungen zu treffen wie bei uns geschehen am Weißkugeljoch…..dort, wo es nach Randkluft aussieht, ist meist auch eine. Wer das – sei es auch auf der Suche nach einer windgeschützten Stelle, um zu pausieren – ignoriert, landet unversehens in ihr. Ein schreckliches Erlebnis, was ich wirklich keinem wünsche!!! Gerade stand Anke noch einen Meter neben mir, und im nächsten Moment ist sie weg, und das mit praktisch 30m Schlappseil zwischen uns. Ein Glücksumstand, dass der liebe Gott genau an der Einsturzstelle noch ganz schnell in fünf Meter Tiefe eine zweite Schneebrücke hinzauberte, auf der Anke butterweich zum Stehen kam! Während sie unten noch Fotos schoss, suchte ich mir eine sichere Stelle am Felsriegel. In guter sächsischer Kamintechnik schruppte sich Anke mit Hilfe der Steigeisen und von mir gesichert wieder ans Tageslicht. Puh, geschafft, nichts passiert…..ganz klar, mehr Glück als Verstand! Eines ist sicher, so etwas – zumindest so eine dumme Fehlentscheidung – wird uns wohl kein zweites Mal passieren.

Den Gipfel erreichten wir ohne weitere Komplikationen. Wie erhofft kamen wir am Gipfel an, als ihn der Rest schon wieder verließ. Belohnt wurden wir außerdem mit einem Panorama von Wildspitze über Ortler bis Bernina.

Nun aber zur eigentlichen Tour. Der Mont Blanc! Wie schon erwähnt, alleine ist man da sicher nicht. Um die gefühlten unendlichen Massen wenigstens nicht während Auf- UND Abstieg „genießen“ zu müssen, kam der Gedanke einer Überschreitung auf. Besser noch, letztendlich entschieden wir uns gänzlich für Auf- und Abstieg über die Cosmiquehütte (3600m). Die Anfahrt erfolgte über Italien durchs Aostatal und den Mont-Blanc-Tunnel. Der Anblick des Mont Blanc Massivs von Süden aus dem Aostatal ist jeden Mehrkilometer auf der Autobahn wert! Aber zurück zur Cosmiquehütte. Aufstieg bzw. Auffahrt mit der Seilbahn zur Augille du Midi bis auf 3800m…..tja, es wird halt überall beschissen. Dort verlassen wir dann die Zivilisation. Über einen sehr schmalen Schneegrat geht es erst östlich, anschließend den Grat verlassend in südlicher Richtung hinunter in ein großes flaches Gletscherbecken, auf dem auch schon eine kleine Zeltstadt zu erkennen ist. Über dieser thront die Cosmiquehütte. Also wieder rauf. Na toll, geht das hier schon los mit diesen lästigen Gegenanstiegen! Auch auf dieser Hütte ist natürlich Platz für eine Unmenge an Bergsteigern, allerdings muss man hier eben NICHT im Gastraum unter oder auf den Tischen schlafen. Im Gegenteil, wir hatten dort trotz Hochsaison problemlos noch unsere Reservierung bekommen, und das äußerst kurzfristig. Überhaupt ist die Hütte Spitze! Modern und geräumig, aber trotzdem noch etwas gemütlich, super Personal ohne Ausnahmen, die Verpflegung lässt auch keine Wünsche offen. Und all das zu einem relativ moderaten Preis. Also, die Hütte ist uneingeschränkt zu empfehlen. Wer auf den Normalweg verzichten will und kann, findet dort sehr angenehme Hüttenverhältnisse vor.

Zur weiteren Höhenanpassung haben wir am darauf folgenden Tag einen Ausflug bis auf rund 4100m unternommen. Dieser führte uns durch den unteren Gletscherbruch, den wir am eigentlichen Gipfeltag auch noch mal durchsteigen müssen, oberhalb dessen jedoch südlich haltend Richtung Mont Blanc du Tacul (4248m). Wir schauen nach Westen, der Spur zum Mont Blanc-Aufstieg hinterher…..die „Schlüsselstelle“ zeigt sich zum ersten Mal! Ein immer steiler werdender Schnee-, oben dann Firnhang. Ab der oberen Randkluft die letzten 11/2 Seillängen schon knackig steil! Irgendwas zwischen 40 und 50 Grad. Nach der ersten Seillänge ein paar Felsen im Steilhang…da soll man sich angeblich sichern können. Na gut, in rund 24 Stunden sind wir schlauer. Kurz unterhalb des Gipfelaufbaus des Mont Blanc du Tacul entschlossen wir uns, nicht noch weiter aufzusteigen. Höhe haben wir heute genug gemacht, lieber ein-zwei Stunden eher zurück auf der Hütte und dem Körper noch etwas Ruhe vorm eigentlichen Gipfelsturm gönnen. Außerdem zieht es einen prinzipiell immer zurück zur Hütte…da schmeckt es nämlich wirklich gut!

1:50 Uhr ging’s los. Stirnlampe an, das beleuchtete Chamonix von oben anschauen und schön gleichmäßig im hart gefrorenen Schnee der fast schon weihnachtlichen LED-Kette hinterher den Gletscherbruch hinauf stampfen. Jaaa, auch hier sind viele Menschen unterwegs, aber eben noch lange nicht gefühlte unendliche…. Beim Aufbruch waren es 5 Grad, angenehm warm, wie wir fanden. Im unteren Gletscherbruch hieß es dann öfters mal überholen, immer im Hinterkopf der Gedanke, kommt Anke da mit? JA! Wir waren gut unterwegs. Wir waren wirklich gut! Mit zwei-drei Kilogramm mehr an Flüssigkeit auf dem Rücken brauchten wir für das am Tag zuvor schon mal gestiegene Stück eine viertel Stunde weniger…wir schossen geradezu den Bruch hinauf. Dann rüber zum nächsten Steilhang queren, in diesem unten vorbei an Hochhaus großen, schief stehenden und teilweise Furcht einflößend überhängenden Séracs vorbei. Am oberen Ende wartete schon die Schlüsselstelle auf uns und mit ihr ne ganze Menge sich nicht bewegender Bergsteiger…na toll!! War ja klar. Warum noch mal stand dieser Berg nicht auf meiner Liste?!? Da hing sogar schon ein Fixseil drin, trotzdem wurde von einigen zusätzlich gesichert. Da ist natürlich ne halbe Stunde rum wie nüscht! Hier war auch keine Rede mehr von angenehm warm! Es war ja nun auch schon gegen fünf…bekanntlich ist es ja kurz vor Sonnenaufgang am kältesten. Zugleich befanden wir uns mittlerweile auf einer Höhe von über 4200m. Da ist es bei Null Bewegung halt auch im Sommer kalt! Einmal krachte es ordentlich auf meinem Helm. Ein Ziegelstein großes Firnstück hatte bei den vielen Steigeisen weiter oben wohl an Halt verloren und durch mich nun auch endgültig seine Form. Ich bin übrigens ein Helmmuffel…schön, dass mir bei dieser Tour von Anfang an klar war: Ich gehe alles mit Helm! Nun ja, irgendwann schob sich die Karawane Stück für Stück weiter. Bei den Felsen im Steilhang angekommen verließ ich das Fixseil rechterhand, um entgegen den meisten anderen nicht durch die Felsen, sondern rechts daran vorbei weiter aufzusteigen. Die ersten Meter recht gut wurde aus Firn nun teilweise Blankeis…nun hieß es sauber steigen, mit Gedanken schon hin und wieder bei den Steigeisen von Anke. Die nämlich haben ihre besten Tage schon hinter sich, geschweige denn speziell für Steilhänge vorgesehene Frontalzacken… Wer hier abrutscht, ist ne Weile unterwegs! Ruhig bleiben. Konzentrieren. Bevor ich die Zacke des Steigeisens und das darunter liegende Eis belaste, immer wieder die prüfenden Gedanken, klang es beim Einschlagen so wie es sollte? Sieht es so aus wie es sollte? Den Pickel nicht zu lasch einschlagen, aber auch nicht zu fest. Verbirgt sich dicht unterm Eis Fels, könnte es abplatzen. Alles in Ruhe. Stück für Stück. Noch ein-zwei Meter hoch, ein-zwei Meter links queren. Gut, jetzt hatte zumindest ich es geschafft. Ich befand mich nun direkt oberhalb dieser kleinen Felspartie und hatte einen relativ sicheren Stand (Sitz) gefunden. Puh, hier konnte ich in aller Ruhe Anke nachholen. Die letzte halbe Seillänge hoch bis zum Grat ging relativ problemlos. Oben angekommen wurde uns mit ein paar Schlucken warmen Tees schnell wieder warm. Jetzt hieß es für eine Weile: Steilhang queren. Eines ist sicher, ohne getretene, fest gefrorene Spur kann diese Route mal schnell einen Grad schwieriger werden. Eine halbe Stunde später ging dann endlich die Sonne auf und die Gipfelumrisse zeigten sich. Erst langsam, dann zeigte sich die Schneekuppel des Mont Blanc immer mehr im Glutrot der Morgensonne. Noch einen Steilaufschwung und anschließend das letzte Stück Gipfelaufbau. Um acht dann die letzten Schritte und der höchste Punkt der Alpen war erreicht. Sonnenaufgang überm Monte Rosa, traumhaft!! Matterhorn natürlich auch gut zu sehen. Ich denke, das dürfte wohl jeder erkennen.

Zum ersten Mal stand ich auf einem Gipfel und 360 Grad um mich herum war bis zum Horizont nichts höher als ich selber! Beeindruckend! Dabei möchte ich betonen, dass ich mich sonst immer nur über riesige Gletschermassen und schwierige Gipfelgrate – auch durchaus höher als mein eigener Standort – um mich herum freute, wenn ich einen Berggipfel bestiegen hatte. Aber offensichtlich war das einfach auf andere Art und Weise ein besonderes Gipfelglück, zumal ich es mit meiner Schwester Anke, und zwar NUR mit ihr, teilen konnte.

Vielleicht sollte es einfach so sein, dass wir beide die paar Wochen vorher keine Zeit hatten, um in der anderen Seilschaft mitzugehen. Wie auch immer, als Kurzinfo für alle, die möglicherweise auch den Mont Blanc ins Auge gefasst haben sollten, bleibt folgendes Fazit:

Bei guten, stabilen Wetterverhältnissen ist der Mont Blanc für akklimatisierte Bergsteiger mit guter Kondition und Gletscherkenntnissen kein Problem. Da kann man auch ruhig vom Normalweg abweichen.