Aktuelle Tourenberichte

Skibergsteigen im Oberengadin

Uwe Trenkmann

Für jeden Winter werden in unserer Sektion durch Dirk Hoffmann, akribisch vorbereitet und überaus umsichtig geführt, diverse Skitouren für verschiedene Ansprüche angeboten. Im April 2015 können wir uns erstmalig über eine ganze Tourenwoche freuen. Das Oberengadin, genauer gesagt die Albula-Alpen mit dem Ausgangspunkt Madulain (1.700 m) ist diesmal unser Tourenziel. Die Region wird einerseits als Aussichtsbalkon der Alpen gepriesen und andererseits verunsichert uns das aktuelle Wechselkurs-Desaster, so dass wir, Gerlind Läger, Nathanael Hermsdorf, Martin Weitz und ich, gespannt sind auf eine ereignisreiche Zeit. Die lange Autofahrt am Samstag u. a. über Fernpass und Reschen-Bundesstraße hinein ins Unterengadin, dazu 900 Höhenmeter Aufstieg mit ein wenig Regen und später Nassschnee, wir kommen schon ganz schön ausgelaugt auf der Es-cha-Hütte (2.594 m) an.

Dirk genehmigt uns am nächsten Morgen etwas mehr Schlaf, was sich aber im Laufe des Tages bei der mittlerweile sehr stabilen Wetterlage und unserem späteren Start nicht als Nachteil erweisen soll. Die Porta d‘ Es-cha (3.008 m) haben wir mit Ski am Rucksack schnell überquert und folgen der Aufstiegsspur zum Skidepot des Piz Kesch (3.418 m), dem höchsten Berg der Albula-Alpen und außerdem mit 1.502 m Schartenhöhe zum Finsteraarhorn (4.274 m) Platz Nummer 44 in der Liste der prominentesten Berge der Alpen. Eigentlich nur die Lage peilen und danach genussvoll im pulvrigen Nordhang zur Keschhütte (2.625 m) abfahren, das ist der ursprüngliche Plan. Nachdem uns die letzten beiden Bergsteiger, welche zuvor am Gipfel waren, am Depot entgegen kommen, fassen wir erst gegen 11.00 Uhr schnell den besten Entschluss der Woche: Später Aufstieg. Ca. 200 Höhenmeter und knapp eine Stunde im Schnee und Fels, Bergsteigerträume werden wieder war. Die Sicht am Gipfel, besonders hinüber zur nahen Bernina-Gruppe, ist atemberaubend und dementsprechend fallen die zahlreichen Gipfelfotos aus. Wir können unser großes Glück kaum fassen. Zügiger Abstieg, noch eine kurze Pause am Depot zur Stärkung und dann endlich die verdiente Genussabfahrt. Einen gelungeneren Toureneinstieg kann es wohl nicht geben. An einem solchen Abend stört dann auch der Preis von sechs Schweizer Franken (ca. sechs EUR) für den halben Liter Bier auf der Hütte überhaupt nicht mehr. Übrigens, so sind zumindest preislich locker pro Abend zwei Kästen aus dem Angebot des heimischen Getränkemarktes zu schaffen.

Unsere Skitour soll zugleich auch eine Hüttenrunde werden. So ziehen wir am Montag sehr zeitig, insbesondere wegen der am Tage zunehmenden Gefahr von Nassschneelawinen an Südhängen, weiter zur Grialetschhütte (2.542 m). Unser südseitiger Aufstieg vom Sattel (3.015 m) aus zum Piz Grialetsch (3.131 m) endet dann auch im Nassschneeeinbruch bis zu den Hüften. Wir wollen keine zusätzlichen Risiken eingehen, den noch sehr guten Schnee einer super Abfahrt genießen und kommen recht zeitig am Nachmittag zum Ausruhen auf unserer Hütte an. Kräfte sammeln ist ganz wichtig, denn die eigentliche „Königsetappe“ findet am nächsten Tag statt. Nur zu viert, diesmal ohne Gerlind, fahren wir zunächst sehr zügig auf einer festen Harschdecke ab, um danach die beiden Piz Sarsura von Westen her anzusteuern. Die gemeinsame Entscheidung ist schnell getroffen, zunächst steigen wir direkt zum Skidepot des Piz Sarsura Pitschen (Kleiner Piz Sarsura / 3.143 m) auf. Eine weitere Aufstiegsspur können wir von da ab nur noch erahnen, dafür finden wir wiederum 200 Höhenmeter zuerst Firnrücken und später Firngrat vom Allerfeinsten vor. Neben den Steigeisen sind auch dickere Handschuhe, Kapuze und Skibrille von Nöten, denn sonnenklares Wetter, aber mit sehr kaltem Wind, ist unser Begleiter. Ein Gipfelkreuz haben wir zunächst erwartet, aber als wir dieses vermeintliche Kreuz endlich erreichen, entpuppt es sich als der rund fünf Meter hohe Mast einer kleinen Wetterstation mit Solarpanel. Dies stört unser großes Gipfelglück und das Gefühl von unendlicher Bergeinsamkeit nicht im Geringsten. Aus- und Tiefblicke in alle vier Himmelsrichtungen, der Blick hinüber zum Ortler (3.905 m) hat es uns besonders angetan, wir sind überwältigt. Nach unendlich vielen Fotos folgt ein sicherer Abstieg mit Pause noch vorm Depot im Windschatten. Die Speicher müssen erst einmal wieder ordentlich aufgefüllt werden, bevor wir zum zweiten Teil des Tages übergehen. Eine kurze Abfahrt mit weiter Querung, um nicht viele Höhenmeter zu verlieren, Auffellen und der recht entspannte Aufstieg zum Piz Sarsura (3.177 m) folgen. Vom Depot aus sind es noch rund 70 Höhenmeter Firngrat zum Gipfel. Diesmal liegt eine alte, aber gute Spur im Schnee, welcher wir folgen. Nach einem kleinen Rechtsbogen flacht der Aufstieg ab und wir gelangen über einen kurzen Gipfelhang zu einer Holzstange als Symbol des höchsten Punktes. Wir haben es im Viererteam erneut geschafft, zwei sehr schöne Dreitausender an einem Tag. Solche Bergtage sind sicher ganz selten und die Freude kennt keine Grenzen mehr. Zu unserer großen Überraschung liegt am Fuße der Stange in einem Kästchen ein Gipfelbuch aus und so können wir uns mit unserer Sektion verewigen. Der letzte Eintrag davor liegt schon einige Tage zurück und wir genießen zum zweiten Male an diesem Tag Bergeinsamkeit pur. Nachdem ich im Abstieg endlich wieder nur noch auf einer Seite nach unten schauen kann oder muss und auch sicheren Stand erreiche, schieße ich einige der besten Fotos der Woche von überglücklichen Bergsteigern. Genussabfahrt im Frühjahrsfirn und Gegenanstieg zur Hütte, nach über zehn Stunden erwartet Gerlind uns schon mit Bier auf der Terrasse.

Das Fazit des Dienstages: Die Pflicht ist erledigt, wir wollen uns auf dem unausweichlichen Rückweg ganz der Kür widmen. So fahren und steigen wir dann auch am nächsten Tag lediglich zur Keschhütte zurück, allerdings auf einer anderen Route, nämlich über den Scalettapass (2.606 m). Der flache, aber sehr lange Anstieg zur Hütte, den wir vorher nur von der frühmorgendlichen Abfahrt auf festem Harsch kennen, entwickelt sich in der Mittagssonne fast zu einer kleinen Tortur, was so niemand mehr richtig erwartet hat. Am Abend lädt der Hüttenwirt alle Gäste zu einer interessanten Hüttenführung ein. Leider ist sein Schweizerdeutsch schlecht bis gar nicht zu verstehen. Die Woche geht langsam zu Ende. Am Donnerstag wollen wir unsere Ausgangshütte wieder erreichen. Vorweg gesagt, dieses Vorhaben geht gründlich daneben. Am Abend sitzen wir nochmals auf der Keschhütte. Zunächst erreichen wir noch, zwar schon mit einigen Mühen, den Piz Porschabella (3.079 m) und damit unseren vierten Berg der Tourenwoche. Dirk findet auch im unbekannten und spurlosen Gelände eine sehr gute Abfahrtsroute. Respekt. Über einen kleinen Gletscher steigen wir wieder auf und müssen oben am Grat enttäuscht feststellen, dass ein Übergang auf die Südseite der Berggruppe nicht möglich ist. Für den Umweg über eine tieferliegende Route fehlt mittlerweile die Zeit und somit ist der Rückweg die sicherste Entscheidung, zumal sich die Sicht zunehmend verschlechtert.

Am Freitag müssen wir zurück, egal wie! Bei null Sicht finden Dirk und Nathanael gemeinsam mit technischer Unterstützung die Porta d‘ Es-cha, auf die dann zum Glück auch ein Schild hinweist. Die Überschreitung zeigt sich mittlerweile etwas vereister als vor Tagen auf dem Hinweg, aber kein Problem. Eine weitere Abfahrtsspur ist nicht mehr zu erahnen. Trotzdem erreichen wir im dichten Nebel und jeder mit mindestens einem Einbruch im Faulschnee die Es-cha-Hütte. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf der sicheren Seite angekommen. Ende gut, alles gut. Meine größte Freude des Tages: Ich muss einen Ski aus hüfttiefem Nassschnee mit wahrscheinlich Hohlräumen unter Felsbrocken ausgraben. Als mir dies endlich gelingt, lacht mich auch noch eine unversehrte Skispitze an. Die Abfahrt in einer der beiden Mulden neben dem felsigen Bergrücken wäre wahrscheinlich besser gewesen, aber da hätten wir garantiert unsere Hütte verfehlt, weil diese halt am Ende des Bergrückens liegt. Im Nachgang erweist sich die Entscheidung, gleich am Anfang der Tour den Piz Kesch zu besteigen, am Ende ist dies wettertechnisch überhaupt nicht mehr möglich, als die glücklichste und richtigste. Die Talabfahrt bis zur Schneegrenze am Samstag und der Fußweg zum Parkplatz gelingen uns dann auch noch, so dass wir gesund, überglücklich und ausgefüllt mit tollen Bergerlebnissen die Heimreise antreten können. Dirks Reserven an Pilsner Urquell genießen die Nichtfahrer vorher noch im strömenden Regen unter einem Baum. Ich möchte mich auf diesem Weg nochmals bei ihm für die vielleicht beste von mittlerweile fünf gemeinsamen Skitouren mit insgesamt 13 Gipfeln bedanken.

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Piz Kesch rechts der Aufstieg Abfahrt unterhalb des Piz Kesch
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Das Kesch Massiv in seiner vollen Schönheit Der Blick zurück auf die letzten Meter
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Unsere beiden Tagesziele im Hintergrund Auf dem Weg von der Keschhütte zur Grialetschhütte
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Am Gipfel des Piz Sarsura Pitschen Auf der Abfahrt vom Piz Sarsura