Aktuelle Tourenberichte

Zum Klettern ins Höllental und auf die Rax

Ingo Röger


Im Juni ’11 waren wir mit Rad- und Kletterausrüstung in der Wachau und auf der Hohen Wand im Osten Österreichs unterwegs. Da es uns dort ausgezeichnet gefallen hat, reisen wir genau ein Jahr später erneut in die niederösterreichischen Kalkberge, doch dieses Mal sind die Klettergebiete rund um Schneeberg (2.076 m) und Rax (2.009 m), den östlichsten Zweitausendern der Alpen, unser Ziel. Wir reisen mit der Bahn und haben unsere Räder dabei, die uns helfen sollen, die Zustiege zu verkürzen.
Auf dem Weg via Dresden und Prag in die Alpen machen wir bei Verwandten Zwischenhalt im Weinviertel. Hier besuchen wir natürlich einen typischen Heurigen, erkunden die ausgedehnten Weinkeller unserer Verwandten und bestaunen die geheimnisvollen und Jahrhunderte alten Erdställe unterm Haus. Dann endlich geht es in die Berge. Beim Umsteigen in Wien Praterstern bricht gerade ein Gewitter los, das so heftig ist, dass sogar die Riesenräder im Prater gestoppt werden müssen. In Payerbach am Fuße des berühmten Semmering ist Endstation für unseren Zug - von hier geht es über Reichenau und Kaiserbrunn mit dem Rad geradewegs hinein ins Höllental. Die Gewitter haben zum Glück aufgehört und es ist herrlich still, als wir das tief eingeschnittene Tal hinauf radeln. Es ist kühler geworden, immer wieder steigen Nebelschwaden auf. Kein Auto ist mehr unterwegs, als wir in der Abenddämmerung die Straße neben der rauschenden Schwarza entlang fahren. Kurz vorm Dunkelwerden erreichen wir - wenige Meter neben der Talstraße gelegen - das Weichtalhaus, eine Herberge der Naturfreunde und idealer Stützpunkt für Kletterer. Wir haben uns per E-Mail angemeldet und wundern uns, dass das ganze Gebäude bereits dunkel und verschlossen ist. Dann entdecken wir in einem Fenster des Nebengebäudes noch Licht und klopfen. Ein freundlicher Nepalese öffnet uns. Als wir ihm sagen, dass wir angemeldet sind, macht er sich auf die Suche nach dem Wirt. Bald gehen in der Hütte einige Lichter an und Manfred, der Hüttenwirt begrüßt uns.

Er entschuldigt sich: Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und der schlechten Wettervorhersage hat er gedacht, dass wir - wie heutzutage leider fast schon üblich - ohne ihm abzusagen, nicht mehr anreisen. Schnell wirft er für uns nochmal seinen Herd an und wir genießen gute Käsespätzle und ein erstes Bier. Als vorerst einzigen Gästen der Hütte steht uns das ganze Lager mit seinen 60 Schlafplätzen zur Verfügung.

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In der Weichtalklamm

Auch wenn es am folgenden Morgen halbwegs freundlich ist, ist an Klettern nicht zu denken, zu nass sind die Felsen, zu unsicher die Wetterprognosen. So starten wir stattdessen am späten Vormittag zu einer Tour durch die Weichtalklamm, der die Hütte ihren Namen verdankt und die unmittelbar hinterm Haus beginnt. Anders als viele touristisch erschlossene Schluchten in Österreich gibt es hier keine Treppen, Geländer oder Stege. Nur wenige Stellen sind mit alten Leitern, Stiften und Ketten entschärft und die Begehung der teils bedrohlich engen Klamm gleicht einer Vorstufe zum Canyoning. Regen, Nebel und kurze sonnige Abschnitte wechseln einander ab und wir begegnen auf der ganzen Tour keinem einzigen Menschen. Dafür aber jeder Menge Wühlmäuse, Schmetterlinge, einer gar nicht so scheuen Gams und einem Rehkitz. Ab Mittag wird der Regen stärker, aber wir steigen dennoch zur heute geschlossenen Kienthaler Hütte weiter auf. Deren Hüttengipfel, der felsige Turmstein (1.418 m), erhebt sich abweisend unmittelbar neben der Hütte. Ein Klettersteig leitet über 40 luftige Höhenmeter hinauf zum höchsten Punkt; bei der Nässe ist doppelte Vorsicht geboten. Dafür reißen die Wolken am Gipfel einen Moment lang auf und geben den Blick frei auf waldreiche Täler und die Felsenriffe in den Flanken des Schneeberges. Auf dem Rückweg werden wir dann gänzlich eingeweicht – dennoch war die Tour trotz oder gerade wegen der widrigen Bedingungen in dieser Einsamkeit ein großartiges Erlebnis.
Auch der folgende Tag soll wolkig und am Nachmittag gewittrig werden. An lange alpine Klettertouren ist (noch) nicht zu denken. Dennoch wollen wir erstmals Hand an den Fels legen. Unser Ziel: die Frisbeeplatten; Touren mit bis zu drei Seillängen griffiger Kalkkletterei in den Flanken des Falkensteins (1.011 m) locken bei sehr guter Absicherung. Dazu müssen wir 13 Kilometer bis Schwarzau im Gebirge talaufwärts radeln und dann noch einmal schweißtreibende 180 Höhenmeter zum Einstieg stapfen. Doch es lohnt sich, das Wetter hält wider Erwarten bis auf einen kurzen Schauer den ganzen Tag durch und wir können viele schöne Klettermeter, überwiegend im fünften Grad, zurücklegen.
Plattige Passagen sind zumeist schon abgetrocknet, nur der Einstiegsriss von Kuh Ros’l in der Materialseilbahn (wer denkt sich solche Routennamen aus!) ist noch nass und macht die Kletterei zusätzlich spannend. Im Vorstieg reißt Jana hier einen Griff heraus - ich kann dem Steinhagel nicht gänzlich ausweichen und bekomme einige Splitter auf Schulter und Arm ab, bleibe aber zum Glück unversehrt.

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Blick ins Höllental

Noch einmal zeigt sich am kommenden Tag das Wetter von seiner ungemütlichen Seite: Bis zum frühen Nachmittag schlagen wir bei Dauerregen die Zeit mit Lesen tot. Doch schon seit Stunden steigt der Luftdruck. Um 15:00 Uhr hört der Regen auf und wir starten zu einer Erkundungsrunde in das sogenannte Große Höllental, das bekannteste und wildeste Seitental des Höllentales. Hier gibt es klassische und bis zu 300 Meter hohe Klettereien, meist ab dem sechsten Alpingrad aufwärts, deren Bekanntheitsgrad Bergsteiger von weither anzieht. Für Klettersteiggeher und erfahrene Bergwanderer wartet dieser einzigartige Talkessel außerdem mit mehreren Eisenwegen und versicherten Steigen auf. Über den noch recht harmlosen Schönbrunner Steig erreichen wir den Talgrund; das Wetter wird mit jeder Minute besser und bei ersten Sonnenstrahlen steigen wir in den nicht allzu schweren Teufelsbadstubensteig ein, der 250 Höhenmeter diagonal ansteigend - Bänder und Absätze geschickt nutzend - durch ein abweisendes Felsgemäuer führt. Kurz vor dem Ausstieg bombardiert uns eine Gämsenfamilie mit gefährlichem Steinschlag. Als dies ausgestanden ist, erreichen wir wohlbehalten den oberen Rand dieser gewaltigen Felsschlucht und genießen in der späten Nachmittagssonne einen fantastischen Blick über den gewaltigen Kessel zu unseren Füßen. Ebenfalls luftig und mit Leitern und Drahtseilen versichert, geht es über den Wachthüttelkamm steil abwärts zurück zur Hütte, wo wir gerade noch rechtzeitig zum Abendessen ankommen.

Von nun an ist das schlechte Wetter passé. Vor uns liegen acht sonnige Klettertage. Mehr als die Hälfte davon verbringen wir an den Felswänden oberhalb des Stadelgrabens, einem weiteren bedeutenden Klettergebiet im Einzugsbereich des Weichtalhauses. An der Stadelwand klettern wir zwei schöne Klassiker: die Direkte Richterkante (VI, 10 SL) und den Richterweg (V-, 12 SL); beide Routen folgen Felsgraten, die sich von der breiten Felsmauer abheben. Der kurzweilige Zustieg führt rund 500 Höhenmeter durch idyllischen Bergwald und über steile Schuttreißen bergan. Dafür suchen wir länger als uns lieb ist den richtigen Einstieg. In beiden Routen sind wir ganz allein unterwegs. Wochentags verteilt sich hier eine Handvoll Seilschaften auf eine Vielzahl lohnender Routen, so dass wir stressfrei klettern können. Die Absicherung in beiden Routen ist gut, speziell an den kniffligen Stellen stecken meist Bohrhaken in entspannten Abständen. In leichteren Seillängen sind die Hakenabstände mitunter deutlich großzügiger, dafür findet sich aber zur Beruhigung dann meist eine Sanduhr oder eine gute Klemmkeilmöglichkeit zum Zwischensichern. Wo kein geeigneter Baum zu finden ist, sind die Standplätze solide eingebohrt. Die Schwierigkeiten der abwechslungsreichen und griffigen Dir. Richterkante erwarten uns in der zweiten sowie in den letzten beiden Seillängen; als besonders schöne Kletterei habe ich jedoch die lange und homogene achte Seillänge (durchwegs im vierten Grad) in Erinnerung behalten. Der Richterweg ist zwar etwas leichter bewertet, dennoch haben uns hier einige technisch interessante und schon recht speckige Passagen ebenfalls ins Schwitzen gebracht. Speziell eine markante Verschneidung gefolgt von einer glatten und kompakten Wandstelle im Mittelstück der Tour werden wir so schnell nicht vergessen. Vom Ausstieg der Dir. Richterkante müssen wir noch ein kurzes Stück durch Wald und Schrofen zur Jagdhütte an der malerischen Märchenwiese aufsteigen: ein idealer Picknickplatz über den steilen Wandfluchten der Stadelwand, von urigen Baumriesen umgeben. Nur eine Minute entfernt ein herrlicher Aussichtspunkt: Unter uns in der Abendsonne die helle Kalkschneide des Stadelgrates, vis-a-vis das Raxplateau und – gerade fallen vereinzelte Regentropfen – ein kräftiger Regenbogen über den dunklen Wäldern in unserem Rücken. Beim Abstieg über einen schmalen Waldpfad gleiten – von uns aufgeschreckt – mehrere Käuze lautlos zwischen den Buchenstämmen davon.
Der erwähnte Stadelgrat ist ein bekannter Klassiker im dritten Grad und wäre die ideale Verlängerung des Richterweges gewesen. Doch dafür sind wir zu spät unterwegs. Deshalb sind wir froh, dass wir unterm Stadelgrat den markierten Steig finden und steil und ausgesetzt zum Einstieg zurück gelangen. Dabei müssen wir das Gassl passieren, einen steilen und geröllgefüllten Schluchtkessel, der nach unten hin immer enger und bedrohlicher wird. Zum Glück müssen wir hier nicht bei Regen und Gewitter durch!
Noch mehr Kletterer zieht inzwischen die Vordere Stadelwand an: Der Zustieg ist deutlich kürzer und die Auswahl an mittellangen Touren (meist vier bis sechs Seillängen) immens. Es überwiegen plattige Routen mit vielen Henkeln, die Absicherung mit Haken und an Sanduhren ist sehr gut. Kein Wunder, dass auch wir hier drei Tage zubringen. Bei vielen Kletterern ist allerdings auch die Gefahr von Steinschlag deutlich größer: In der Route Peternpfad (V-, 5 SL) habe ich gerade den Stand der ersten Seillänge erreicht, als von weiter oben der Ruf „Stein“ erschallt; schon donnert ein etwa handballgroßer Brocken an mir vorbei. Jana am Fuß der Wand drückt sich zwar eng an die Wand, dennoch bekommt sie den Stein ab! Zum Glück nur als „Streifschuss“ am Po. Dennoch erinnern sie Schmerzen und ein blauer Fleck einige Tage an dieses haarsträubende Ereignis. Geschockt seile ich ab und wir verkriechen uns unter einen Überhang. Erst als fast eine Stunde lang kein Stein mehr eingeschlagen ist – unsere Vorgänger haben das kritische Geröllband in der zweiten Seillänge nun definitiv verlassen, steigen wir ein zweites Mal ein und schrecken selbst bei jedem Tannenzapfen, der an uns vorbeisegelt, zusammen.

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Ottohaus

Übers Wochenende verlassen wir vorübergehend das volle Weichtalhaus und fahren mit der Seilbahn hinauf aufs Raxplateau. Unten im Tal herrschen inzwischen fast tropische Temperaturen und so sind wir über die frische Luft hier oben dankbar. In einer halben Stunde erreichen wir auf gemütlichem Weg das Ottoschutzhaus (1644 m), das mit seinen vier Etagen mehr einem Berghotel denn einer Schutzhütte gleicht. Hier am Plateaurand ist der Tiefblick auf das 1200 Meter tiefer gelegene Alpenvorland einzigartig und wir genießen jeden Morgen das Frühstück mit Fernblick auf der Hüttenterrasse. 

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Preinerwand

Eine gemütliche, knapp einstündige Wanderung entlang des Plateaurandes bringt uns zu an den beiden Tagen, die wir hier verbringen, zur Preinerwand (1783 m), einem Voralpengipfel ersten Ranges. Von Norden ist der Berg auf harmlosen Wegen zu erreichen; nach Süden bietet er eine eindrucksvolle Wandflucht, von zwei Klettersteigen und vielen Kletterrouten durchzogen. Der Anblick der glatten, aus der Ferne nahezu strukturlos wirkenden Preinerwandplatte macht jeden Kletterer zunächst sprachlos. Dort sollen Kletterrouten hinaufführen? Voller Respekt queren vorsichtig wir über steile Geröllfelder hinüber zum Einstieg der Westweges (III): diese alte Route führt anfangs über teils splittrigen Fels an den unteren Rand der Platte und umgeht diese dann linkerhand. Heutzutage sind die ersten Seillängen ein üblicher Zustieg, um ohne Abseilen von oben (wie wir es bei der nächsten Tour praktizieren) zu den eigentlichen Plattenrouten zu gelangen. Nach einer weiteren - schon steileren und festeren – Verbindungsseillänge erreichen wir die Plattenkante und staunen: Kleine Strukturen und Reibungszüge erlauben genussvolles Klettern in diesem gewaltigen Schild. Die Neigung der Platte nimmt von links nach rechts leicht ab und damit auch die Schwierigkeiten der gebotenen Routen von VIII- auf V-. Wir wählen die Direkte Preinerwandplatte (V, in Kombination mit dem Westweg 6 SL). Warum kann diese herrliche Kletterei nicht länger sein? In der letzten Seillänge legt sich die Platte etwas zurück und geneigte Platten vom Feinsten bringen uns zum Ausstieg westlich des Gipfels. Nicht minder schön ist der Ostweg ganz rechts in der Wand (ebenfalls V). Sektoren mit vielen weiteren schönen Klettereien schließen sich links der Preinerwandplatte an. Hier wagen wir uns zum Abschluss unseres Ausfluges an die drei Seillängen von Franz von Assisi (VI, 3 SL), bevor wir in der gemütlichen Seehütte (1623 m) auf einen Topfenstrudel einkehren. Auf dem Rückweg zum Ottohaus genießen wir am Jakobskogel (1737 m) oberhalb der Hütte eine friedliche Abendstimmung. Die letzten drei Tage unten im Tal werden heiß und nachmittags drohen Gewitter. Daher bevorzugen wir nicht allzu lange Touren wie die Plattenführe (V-, 4 SL) an der Vorderen Stadelwand. Unsere Abschiedstour wird die luftige Woachtalakante (V-, 4 SL), markant am Eingang zum Höllental gelegen. So elegant die Kante auch in den Himmel sticht, der Fels ist wider Erwarten etwas splittrig und viele abschüssige Griffe und Tritte gleichen nicht den gewohnten Henkelparaden der letzten Tage. Dennoch genießen wir unsere letzten Klettermeter im hellen Kalkfels zu Füßen der Rax.

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Abwechselnd im Zug und im Fahrradsattel geht es anschließend in Etappen Richtung Heimat. Im Elbi legen wir für zwei Tage einen Zwischenstopp ein, treffen uns mit Freunden und lassen mit schönen Klettertouren am Falkenstein (der zweite schon in diesem Urlaub…) und am Hohem Torstein bei bestem Wetter diesen Urlaub würdig ausklingen.