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Klettern vor den Toren von Amerika

   

An einem Samstag im August radeln wir von Chemnitz zur Muldewand, einem Kletterfelsen am Ufer der Zwickauer Mulde. Wir rollen das idyllische Chemnitztal hinunter; leider fehlt hier nach wie vor der längst überfällige Radweg. Nahe der malerischen Rochsburg erreichen wir das Muldental und hinter der nächsten Flussbiegung ragt fern vom Verkehrslärm die Muldewand am Ufer auf. Hier ist Amerika nicht mehr weit. Ein kleines Örtchen flussaufwärts trägt kurioserweise diesen Namen.

Der Fels ist mit seinen gut 30 Wegen recht unterschiedlicher Qualität nicht unbedingt der Headliner unter den Klettergebieten des Erzgebirgsvorlandes, aber nicht zuletzt ob der schönen Lage durchaus eine Ausflug wert.

Die Sektoren des Massivs erstrecken sich über zwei Etagen. Wir vergnügen uns heute am unteren Fels. Während der rechte Sektor "Sport" moralisch sattelfesten Sportkletterern vorbehalten bleibt - der in Sachsen überaus aktive "Heinecke-Clan" hat hier 1993 seine Spuren mit Routen bis zum unteren neunten Grad hinterlassen - fühlen wir uns nebenan im Bereich "Plattenwand" pudelwohl.

Im Schatten der Bäume wirken die zu Unrecht selten begangenen Routen etwas staubig. Bereits in den dreißiger Jahren war hier Kurt Sachse (Nomen est Omen) als Erstbegeher klassischer Fünfer-Routen aktiv. Uralte Rosthaken erinnern an die Zeit der um den Brustkorb gebundenen Hanfseile. Über die Jahre haben die Touren nicht an Faszination eingebüßt. Längst sind sie schonend saniert, die Hakendichte erinnert dennoch eher an Elbsandstein denn an Südfrankreich. Doch der Fels ist keilfreundlich und an den wirklich kniffligen Stellen beruhigen Bohrhaken die Nerven. Eines der Schmückstücke ist die Spreize (V), ein Hangelriss mit einem Hauch von Verschneidung zieht hier wie mit dem Lineal gezogen durch die leicht geneigte Granulitwand.

Wie ein eigener Kletterkosmos wirkt die geniale Linie der fast achtzigjährigen Plattenwand (V): Ein abdrängender, boulderartiger Einstieg führt auf einen kleinen Absatz. Eine Köpfelschlinge um die markante Felszacke beruhigt die Nerven, bevor es einen griffigen Riss einige Meter hinauf geht. Nachdem der erste Bolt der Tour geklinkt ist, wartet das Sahnestück der Route. Zum zweiten und zugleich letzten Haken führt nur ein Weg: Schmale Leisten ermöglichen die Querung über den kompakten Plattenpanzer - das ist Genuss und Nervenkitzel zugleich! Interessante Varianten der Route (bis VII-) bieten Piazhangelei, Verschneidungsstemmen und einen Überhang.

Am oberen Wandteil lohnen besonders die leichten Routen ganz links. Ebenfalls zumeist von Kurt Sachse erstbegangen, laden die nahezu hakenlosen Routen bis zum unteren vierten Grad zum Legen von Keilen oder Schlingen ein. Der Einstieg der Oberen Kante (IV-) hat schon manchen Viererkletterer das Fürchten gelehrt. Vom Ausstieg bietet sich ein herrlicher Blick über das üppige Grün des Muldentales.

Genusskletterer sind meist auch Bier und gutem Essen zugetan: Neben mehreren Gelegenheiten in Rochsburg sei all jenen, die das Klettern mit einer Wanderung entlang der Mulde verbinden wollen, der Besuch der schön gelegenen Höllmühle empfohlen.

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