Aktuelle Tourenberichte

Rad und Kletterurlaub in Niederösterreich - Juni 2011

 

Zwischen Donautal und Wienerwald

Mit dem Rad unterwegs zu Kletterzielen in Niederösterreich

 

von Ingo Röger:

Mittlerweile kann man fast schon von einer Tradition sprechen. Nunmehr zum dritten Mal haben Jana und ich uns auf den Weg gemacht und in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten mit voll bepackten Fahrrädern (einschließlich Camping- und Kletterausrüstung) eine grüne und idyllische Gebirgslandschaft erkundet. Im Jahre 2004 war das Juragebirge (CH/F) unser Ziel, im letzten Jahr der heimatliche Erzgebirgskamm und heuer nun Niederösterreich:

Mit dem Zug  geht es bequem mit einer Zwischenübernachtung in der schönen JH Regensburg nach Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs. Bei trübem Wetter schwingen wir uns hier am Himmelfahrtstag mittags auf die Räder. Nachdem wir endlich aus den schier endlosen Hafenanlagen herausgefunden haben, verlassen wir die Stadt auf dem bequemen und viel frequentierten Donauradweg gen Osten. Schon nach kurzer Zeit entlang des hier ruhig dahin fließenden Stromes fällt der Alltagsstress von uns ab und wir spulen die Kilometer herunter. Über eine riesige Staustufe wechseln wir auf die südliche Flussseite und bestaunen bei einer kurzen Pause die mächtige Schleusentechnik, die für die Donauschifffahrt unentbehrlich ist. Am späten Nachmittag überqueren wir die Grenze zu Niederösterreich. Auf der Camping­wiese eines freundlichen Bauern schlagen wir nach fast 70 km im Mostviertel unser Zelt abseits des Flussufers auf.

Der nächste Tag beschert uns mehr Sonne und die längste Radetappe der Reise. In kräftigem Rot blühende Mohnblumen an den Feldrainen sind unser ständiger Begleiter. Verschlafene Orte am Flussufer erinnern bereits an die ungarische Puszta. Manche Dörfer tragen hier kuriose Namen wie „Krummnußbaum“. In Melk erreichen wir die Wachau, einen besonders malerischen Abschnitt des Donautales. Die Stadt wird von dem mächtigen Barockbau des Benediktinerklosters geprägt, das in seinen strahlenden Gelb- und Ockerfarben die Dächer überragt und das Panorama beherrscht. Nach einer ausgiebigen Rast in der schönen Altstadt nehmen wir die letzten Kilometer des Tages in Angriff. Der Donauradweg führt durch Weinberge und Obstplantagen – neben dem Wein ist die Wachau vor allem berühmt für ihre Marillen. Burgruinen und felsdurchsetzte Waldflanken erheben sich steil über der Donau. Am späten Nachmittag erreichen wir den komfortablen Campingplatz von Rossatzbach, direkt am Flussufer gelegen. Bei herrlichem Sommerwetter bauen wir in Ruhe unser Zelt auf. Doch schon wenige Minuten später zieht dunkel ein Gewitter vom jenseitigen Ufer heran. Hektisch werfen wir unser wild herum liegendes Gepäck ins Zelt und schlüpfen hinterher. Schon prasseln die ersten dicken Tropfen aus finstren Wolken herab. Fast im Sekundentakt schlagen bald die Blitze an beiden Ufern in Felsen und Bergflanken ein, bedrohlich zieht das Unwetter direkt über uns hinweg.

Nachdem sich das Wetter beruhigt hat, schlendern wir noch einmal hinunter ans Donauufer. Vis-a-vis liegt das kleine Örtchen Dürnstein. Ähnlich wie Rathen in der Sächsischen oder Pottenstein in der Fränkischen Schweiz bildet der kleine Ort das unangefochtene Zentrum dieser Tourismusregion und lockt Reisende aus aller Welt an.

Jetzt, am späten Abend, wird die Burgruine hoch über dem Ort mit Scheinwerfern angestrahlt, ebenso nahe des Ufers die Stiftskirche mit ihrem unverwechselbaren blauen Turm.

Uns hat aber etwas ganz anderes hierher geführt: Dicht beieinander stehen Gneisfelsen an den Flanken und in den Tälern oberhalb des Ortes und laden mit hunderten gut erschlossenen Routen unterschiedlicher Länge zum Klettern ein.

Eine kleine Personenfähre bringt uns an den beiden folgenden Tagen morgens schnell und bequem hinüber nach Dürnstein und natürlich abends ebenso wohlbehalten zurück – eine recht ungewöhnliche Möglichkeit für einen Kletterzustieg. Als erste Tour des Urlaubes wählen wir die 13 Seillängen des Don-Bosco-Grates (V-) aus. Kurze Steilaufschwünge wechseln sich hier mit waagerechten Gratabschnitten und gelegentlichem Gehgelände ab. Das Landschafts­erlebnis hoch über der Donau dominiert die Tour, längere knifflige Kletter­passagen sind selten, mit Ausnahme vielleicht des 25 Meter hohen Kamins (IV+) gleich zu Beginn der Tour, den Jana trotz leichter Nässe tapfer im Vorstieg meistert. Beim Abstieg über einen aussichtsreichen versicherten Steig brauen sich vor uns wieder dunkle Wolken zusammen, beim Erreichen des Ortsrandes schlagen erste fette Regentropfen neben uns ein und nur wenige Augenblicke später befinden wir uns erneut in einem apokalyptisch anmutenden Sommergewitter. Hektisch rennend erreichen wir leidlich durchnässt den Eingang zum Straßentunnel, der unter dem historischen Zentrum von Dürnstein hindurch führt. Aus dem sicheren Tunnelportal heraus beobachten wir, wie nur wenige hundert Meter von uns entfernt Blitze die exponierten Felsspitzen über dem Ort treffen. Als das Gewitter dem Flusslauf folgend westwärts abzieht, müssen wir – inzwischen fangen wir auch zu frieren an – noch eine geraume Weile warten, bis wir von der Fähre abgeholt werden. Der Kapitän muss zunächst eimerweise Regenwasser aus dem offenen Boot schöpfen. An unserem zweiten und leider auch schon wieder letzten Klettertag in der Wachau besuchen wir den sogenannten Dürnsteiner Klettergarten mit seinen unzähligen Felsnadeln direkt hinter der weithin sichtbaren Burgruine. Eine der schönsten Routen, die wir heute hier klettern, ist die kleingriffige und ausgesetzt-steile Narrenturmkante (IV+) am gleichnamigen Fels.

An einem der Abende werden wir Zeugen eines faszinierenden Schauspiels, als lautlos hunderte brennende Kerzen in der Dunkelheit auf der Donau an uns vorüberziehen. Staunend schauen wir hinterher, bis sie hinter der lang gestreckten Flussbiegung unseren Blicken entschwinden.

Am folgenden Tag verlassen wir das Donautal – die „Königsetappe“ mit dem Rad steht auf dem Programm: wir wollen die Hohe Wand erreichen, einen aussichtsreichen Plateauberg am östlichen Alpenrand fast vor den Toren der Bundeshauptstadt Wien. Am Vorabend diskutieren wir über diese lange Etappe und entschließen uns, die ersten (weniger attraktiven) 50 Kilometer um die Niederösterreichische Hauptstadt St. Pölten herum mit dem Zug abzukürzen. Genau zwölf Uhr mittags schwingen wir uns in Traisen im Nordwesten der Gutensteiner Alpen auf unsere Räder. Diese waldreiche und dünn besiedelte Bergregion ist touristisch kaum erschlossen. Über 20 Kilometer radeln wir zunächst das herrlich unspektakuläre Halbachtal hinauf, meist gegen einen straffen Brustwind ankämpfend. Kleinzell ist auf diesem Abschnitt die einzig nennenswerte Ortschaft. Alleiniger Wirtschafts­zweig scheint hier die Holzgewinnung zu sein, wie uns gelegentliche Sägemühlen am Straßenrand verraten. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Passhöhe der Kalten Kuchl (732 m). Im gleichnamigen Wirtshaus, scheinbar ein beliebter Bikertreff, stärken wir uns und genießen den Blick auf den Hohen Schneeberg, den östlichsten Zweitausender der Alpen. Frisch gestärkt führt unser Weiterweg nach Rohr im Gebirge und über den stillen Pass der Haselrast (778 m). Wo, wenn nicht hier, sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“? In einem Supermarkt in Pernitz decken wir uns noch einmal mit Vorräten für die nächsten Tage ein und nähern uns unaufhaltsam dem heutigen Tagesziel, der Hohen Wand (1132 m), von Westen. Bis auf eine Höhe von etwa 600 Metern strampeln wir das kleine Tal bei Miesenbach hinauf. Dann, es ist inzwischen 18:30 Uhr, wird die Straße so steil, dass wir nur noch schiebend vorankommen; nach weiteren 150 Höhenmetern geht das Asphaltsträßchen in einen Kies bedeckten Fahrweg über. Das Schieben wird immer mühsamer, unser Schweiß fließt in Strömen: früher als uns lieb ist, sind die Trinkflaschen geleert. Ein Plateau am sogenannten Rastkreuz (870 m) lässt uns nur kurz verschnaufen - schon bald werden die Anstiege wieder steiler. Immer wieder flüchten Rehe vor uns in grazilen Sprüngen ins Unterholz. Menschen sind wir (sieht man von einem Gewehrlauf, der aus einem Jagdhochsitz ragt) schon lange nicht mehr begegnet. Am letzten Anstieg wird es so steil, dass die Räder selbst mit zwei angezogenen Bremsen zurückrutschen. Nacheinander wuchten wir zu zweit Rad um Rad die steilen Stiche hinauf. Die Dämmerung kommt schon angekrochen, als wir gegen 21:00 Uhr, die letzten Meter vorsichtig einen Waldpfad bergab fahrend, unser Ziel, die Willy-Eichert-Hütte (1056 m) erreichen. Die Wirtsleute hatten sich schon Sorgen gemacht und sind nun umso erleichterter, dass wir wohlbehalten eingetroffen sind. Wir werden hier für die kommenden sieben Nächte Quartier beziehen und, soviel sei schon verraten, fast die ganze Zeit die einzigen Nächtigungsgäste sein. Bevor wir uns nach einem kräftigenden Abendessen erschöpft schlafen legen, gehen wir im Mondschein die wenigen Meter hinüber zur Hohen Kanzel: Die Hohe Wand bricht nach Osten und Süden mit einer mehrere Kilometer langen und bis zu 300 Meter hohen Felswand zum Flachland hin ab. Hunderte Kletterrouten aller Schwierigkeitsgrade und unterschiedlichen Charakters ziehen durch diesen Felsriegel. Einige davon haben wir für die folgenden Tage im Visier. Oben am Plateaurand gibt es eine ganze Reihe von Gasthöfen und Berghütten; die höchstgelegene ist nahe dem südöstlichen Punkt die Eichert-Hütte direkt beim hervorragenden Aussichtspunkt der Hohen Kanzel. Zu unseren Füßen grüßt das Lichtermeer von unzähligen Ortschaften aus dem Wiener Becken herauf, ganz im Westen erhebt sich dunkel die Silhouette des Hohen Schneeberges im letzten Hauch der Abenddämmerung. Weit im Osten glänzt – gerade noch zu erkennen – silbermatt der Neusiedler See an der Grenze zu Ungarn.

Unsere Hütte ist urig, die Wirtsleute sind freundlich und das Essen ist deftig. Tag für Tag brechen wir gut gelaunt zu unseren Kletterzielen auf. Die Naglplatten und die Hammerlwand sind kompakte, etwa 50 Meter hohe Wände mit festem und griffigem Fels, die man in wenigen Augenblicken durch Abseilen nahe der Hütte aus erreicht und die puren Kletterspaß gepaart mit einer großartigen Aussicht bieten. Hier dominieren gut gesicherte Routen im fünften und sechsten Grad. Direkt auf die Hohe Kanzel führen zwei klassische Führen: der Wiener Steig (III+) und der Fredsteig (IV, Varianten bis V). Über den versicherten Wagnersteig erreicht man die Einstiege am Wandfuß. Der teils anspruchsvolle, blau markierte Wandfußsteig führt über mehrere Kilometer unmittelbar unter den Felsen am gesamten Massiv entlang. Der Fredsteig, für den wir uns entscheiden, startet zunächst wenig einladend mit vielen grünen und schrofigen Abschnitten. Doch nach einer Passage mit Gehgelände wird der Fels mit jeder Seillänge genussvoller und steiler. Die schönste Passage (IV) über eine markante Kante steigt Jana vor. Im Anschluss zögere ich kurz, bevor ich mich für die anspruchsvollere Variante Mein Gott Walter (V) entscheide: Anstatt geradeaus den Grat weiterzuklettern, quert diese luftig und hakenlos mehrere Meter nach links in die senkrechte Wand hinaus. Im Anschluss geht es steil einen griffigen Piazriss hinauf, der allerdings nur mit rostigen Schlaghaken abgesichert ist. Kurz unter dem kleinen Abschlussdach kann ich eine solide Köpflschlinge legen; derart gesichert schwinge ich mich beherzt über den kleinen Bauch und bin erleichtert, als ich den Ausstiegshenkel in meinen Händen spüre. Die letzten Seillängen sind genussreiche, aber schon recht speckige IIer Kletterei über mehrere Grataufschwünge hinweg direkt bis zur Kanzel.

Einen weiteren schönen Klettertag verbringen wir nur wenige hundert Meter weiter östlich an den Felsgruppen rund um den Wildenauer Steig. Der Schillerkamin am Weningerturm ist eine Route, die ihren Namen von der eindrucksvollen Kaminverschneidung (V-) in der zweiten Seillänge erhielt. Doch auch die Ausstiegslänge über eine elegante Gratschneide (III+) ist ausgesprochen lohnend. Über einen kurzen versicherten Steig gelangt man weiter zum Baumgartnerturm, dessen Aushängeschild, die schöne, leider nur 20 Meter hohe Westkante (IV+) ist. Den obersten Felsriegel zurück zum Hochplateau kann man über unterschiedlich schwierige Kletterwege erreichen, das Angebot reicht vom historischen Turmsteig (II) über Freundschaftsweg (III+) und -riss (V-) bis hin zum Edelweißweg (V), der in der zweiten Seillänge eine gut gesicherte und luftige Querung zu bieten hat, die uns viel Freude bereitet.

Für die Touren im nordöstlichen Teil der Wand nehmen wir Zustiege von bis zu zweieinhalb Stunden in Kauf. Doch diese vergehen dank der herrlichen Fernsichten und unzähliger Begegnungen mit Gämsen wie im Fluge. Mit dem Hamburger Pfeiler (VI) und dem Draschgrat (V+) nehmen wir dort zwei lohnende Klassiker unter unsere Finger und Klettersohlen. Die Kletterei ist ausgesprochen abwechslungsreich. Sie bietet Platten, Grate, Kamine, Verschneidungen, kurze Traversen und vieles mehr in grauem und rotem, meist festem Kalk. 

Am Pfingstmontag stehen wir bereits um fünf Uhr auf. Als wir aus dem Fenster schauen, tummelt sich eine große Gämsenfamilie unmittelbar vor der Hütte. Die Kitze hüpfen ungestüm über die Wiese. Ein letztes Mal beladen wir unsere Räder. Eine Stunde später sitzen wir im Sattel und genießen in der frischen Morgenluft die 800 Höhenmeter Abfahrt über eine Mautstraße hinunter zum Bahnhof Winzendorf. Über Wien, Prag und Dresden kehren wir bequem und gut erholt mit dem Zug nach Chemnitz zurück.

Den Peilstein im Wienerwald, der eigentlich noch Ziel dieser Reise sein sollte, heben wir uns wohl für einen zukünftigen Urlaub auf, ebenso wie das romantische Höllental im Rax-/Schneeberggebiet mit seinen vielfältigen Alpinklettermöglichkeiten. Gründe zum Wieder­kommen gibt es auf jeden Fall genug. In der Chemnitzer Sektionsbibliothek gibt es sowohl einen Genusskletteratlas Niederösterreich für die gemäßigten Kletterer zum Ausleihen als auch ergänzend dazu ganz aktuell einen reinen Sportkletterführer der Region für den „gehobenen Anspruch“…