Es ist ein eigenartiges Geräusch, frühmorgens in der Hütte. Wir, das heisst Thomas und ich, sind die einzigen Gäste im kleinen Raum. Es ist noch kalt und der erste Kaffee weckt die Lebensgeister nur langsam. Der Blick auf den Kalender zeigt den 30. Juni, und doch sind wir alleine auf der Chemnitzer Hütte im Südtiroler Ahrntal. 60 Betten und Lager hat die Hütte, bewirtschaftet wird sie von Familie Gruber. Der Abend gestern hat sich in die Länge gezogen, begleitet von manch einem Selbstgebrannten. Und wir haben so einiges über die kleine, gemütliche Unterkunft auf 2419 Metern über dem Meer erfahren.
Bereits 1880 wurde die erste Schutzhütte, die damals noch Nevesjochhütte hiess, feierlich eröffnet. In nur drei Wochen hatte die Sektion Taufers des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins eine kleine Unterkunft erbaut. Im Tal war sie als „Heang Hitte“ bekannt, im Dialekt also „Herren-Hütte“. Mit Hilfe der Gastwirte erschliesst sich die Bedeutung. Die Erschliessung der Alpen erfolgte durch die edlen Herren, die Bauern waren lediglich als Träger angestellt.
Nur 14 Jahre später, im Jahre 1894, war die Sektion Taufers gezwungen, das Schutzhaus aus finanziellen Gründen an die Sektion Chemnitz des Alpenvereins abzutreten. Diese Sektion realisierte auch den Neubau der Chemnitzer Hütte neben dem alten, kleinen Gebäude. Der Bau konnte am 29. Juli 1895 feierlich eingeweiht werden. In den Jahren des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 ereilte die Chemnitzer Hütte dann das unausweichliche Schicksal: umbewirtschaftet, aufgelassen, ausgeplündert, verfallen.
Heute kredenzen Roland und Anna Gruber, die Hüttenwirte, ihren Gästen Südtiroler Kost. Sie servieren in der gemütlichen Stube Weine sowie Schnäpse der Region. Abends wird häufig musiziert und die Wirtsleut’ sitzen mit den Gästen an den Tischen zusammen, erzählen Geschichten und spielen Karten. Auch wenn es nur zwei Gäste sind, wie diesmal. Aber zurück zum eigenartigen Geräusch. Es klopft und scharrt am Fenster, das noch beschlagen ist von der Frische des Morgens. „Das sind nur die Murmeltiere“, meint Anna und nimmt einige Salatblätter in die Hand. „Kommt mit“, ermuntert sie uns. Vor der Türe warten schon die pelzigen Gestalten und fressen Anna aus der Hand. So nah sind wir Murmeltieren noch nie gekommen.
Die Wirtsfamilie Gruber ist ein richtiger Familienbetrieb, ein Betrieb, der reibungslos läuft. Jeder Wanderer wird freundlich empfangen und bewirtet. Fast immer kommt selbst gebackenes Brot, Kuchen und Torten auf den Tisch der hungrigen Gäste. Und wer eine Erinnerung an die Hütte sucht: Es gibt originelle T-Shirts, die von Natascha gestaltet wurden. Sie macht dafür feine Schnitte durch das örtliche Gestein und Fotos über das Mikroskop, die auf die dann auf den Stoff aufgedruckt werden. Zugegeben: Der Mobilfunkempfang hapert, aber Isabella hat einen Stein mit einem Telefonsymbol beschriftet, wo es manchmal doch klappt. Und neben der Hütte finden Besucher sogar eine kleine, einfache Jakobskapelle, die zu einem Pilgerweg gehört, der an der Hütte vorbeikommt und für den die Sektion eine Statue des Heiligen Jakob gestiftet hat.
Die Chemnitzer Hütte hebt sich einfach ab. „Drei unsere vier Kinder helfen auf der Hütte mit“, sagt Roland. „Jonas ist der junge Hüttenwirt und Koch. Arnold ist auch Koch, Isabella kümmert sich um die Gäste und Anna, meine Frau und ich helfen überall mit.“ In der Weihnachtszeit betreiben die Grubers über sechs Wochen hindurch den Weihnachtsstand „Chemnitzerhüttl“ im Tal, in Bruneck. Es ist ein Gastrostand, wo die Grubers hausgemachte Köstlichkeiten anbieten. „Wir waren auch ein paar Mal in Chemnitz und haben dort gute Kontakte zum Alpenverein“, freut sich Roland.
„Einige fleissige Vereinsmitglieder stehen schon länger im Austausch mit der Hüttenfamilie Gruber und der zugehörigen Sektion“, weiss Sophie Waltschew vom Freundeskreis der Alten Chemnitzer Hütte. „Dabei entstand der Eindruck, dass die Hütte mitsamt ihrer Geschichte und heutigen Präsenz an Bedeutung verliert“, so Max Ullrich, zusammen mit Sophie Initiator des Freundeskreises. Das sei sehr schade, denn „sowohl für geschichtlich Interessierte, als auch gesellige Bergsport-Enthusiasten und Naturliebhaber, hat die Chemnitzer Hütte mit ihrem einzigartigen Standort viel zu bieten.“
Vision sei, eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten ins Leben zu rufen, die nicht nur die Liebe zu den Alpen, sondern auch die Begeisterung für die Chemnitzer Hütte und Faszination für die umliegende Bergwelt teilt. „Gemeinsam möchten wir regelmässige Touren rund um die Hütte unternehmen, Fahrgemeinschaften organisieren, Erfahrungen austauschen und vor allem den Kontakt zur Hüttenfamilie aufrechterhalten. Uns liegt es am Herzen, die Tradition und Geschichte der Chemnitzer Hütte weiterzuführen und sie so lebendig zu halten“, sagen die beiden jungen Chemnitzer.