Wir haben bereits mehrere Tourenberichte über die Chemnitzer Hütte verfasst und dabei immer wieder die Hüttenfamilie Gruber erwähnt. Auch anlässlich des Hüttenjubiläums im vergangenen Jahr stand die Betreiberfamilie im Mittelpunkt unseres Tourenberichtes, ebenso wie in den Artikeln der Freien Presse und der Stadt Chemnitz. Doch wer sind diese Menschen eigentlich? Und wie gelingt es ihnen, die Chemnitzer Hütte zu einem so lebhaften, einladenden und charmanten Fleckchen Erde zu machen?
Die Familie Gruber: Anna und Roland, Tochter Isabella, die Söhne Jonas und Arnold sowie die Neffen Hannes und Matthias. Eine weitere Tochter, Natascha, arbeitet nicht auf der Hütte.
25 Jahre Sehnsucht nach einer eigenen Hütte
Ganze 25 Jahre war Roland auf der Suche nach einer Hütte. Bereits als Junge verbrachte er die Sommer bei seinem Onkel auf der Drei-Zinnen-Hütte. Dort entdeckte er seine Freude an der Hüttenarbeit. Eigentlich wusste er schon im Vorschulalter, was er einmal werden wollte: Lehrer und Hüttenwirt. Beides hat er erreicht.
Er war 19 Jahre lang Grundschullehrer und suchte parallel dazu 25 Jahre lang nach einer Hütte. Insgesamt bewarb er sich auf sechs Hütten, leider zunächst ohne Erfolg. Da die Hütten früher meist innerhalb der Familie weitergegeben wurden, waren kaum welche frei.
Die große Dankbarkeit und Freude über die Übernahme der Chemnitzer Hütte spürt man noch heute, sobald man durch die Tür tritt.
„Die Logistik kommt mit der Zeit“
Anfangs waren es eine viel zu große Speisekarte und zu große Einkaufsmengen. Auch kamen zunächst weniger Gäste als heute. Die Zahl der Tagesgäste ist gestiegen, während die Übernachtungen zurückgegangen sind. Es gibt Tage, an denen es gut läuft, und Wochen, in denen weniger los ist und nur wenige Menschen auf der Hütte übernachten.
„Wir haben einen guten Ruf im Tal bei den Einheimischen, und die Hütte ist gut erreichbar. Es kommen Familien und Freunde, wir kennen uns hier gut. Heute bleibt in der Küche nicht mehr viel übrig. In den ersten Jahren war es zu viel. Jetzt passen wir die Karte gegen Ende der Saison an, aber insgesamt funktioniert es sehr gut.“
Die beiden Frauen, Anna und Isabella, sind die guten Seelen des Hauses. Sie schenken den Gästen stets ein herzliches Lächeln und sind offen für jedes Gespräch, trotz der ständigen Arbeit, die unter dem Dach der Hütte anfällt.
Isabella ist zudem der „Wetter-Guru“ und schaut auf Nachfrage für die Gäste in die Wetter-App. Die Söhne zaubern in der Küche die besten Südtiroler Gerichte – und hier ist so gut wie alles selbst gemacht. Die Gäste werden blitzschnell versorgt, die Portionen sind großzügig. Auf der Hütte soll niemand hungrig bleiben. Vor oder nach der Arbeit nutzen sie die Zeit für kurze Trainingseinheiten in den umliegenden Bergen und besteigen die Hausgipfel.
Die Neffen Matthias und Hannes sind in ihren Ferien regelmäßig auf der Hütte, um mitzuhelfen. Matthias spielt zudem wunderschön Akkordeon und hatte mir zuliebe sogar ein Lied zum Hüttenjubiläum gespielt, weil es mir bei seiner Probe so gut gefallen hatte.
Mitte bis Ende Oktober endet die Saison auf der Hütte. Danach geht die Arbeit im Dorf weiter. Bereits am 24. November beginnt der Weihnachtsmarkt, auf dem die zweite „Mini-Hütte“ – das Chemnitzer Hüttl – bis in den Januar hinein als Stand vertreten ist.
Schon ab dem 10. November ist die Familie mit den Vorbereitungen und dem Aufbau beschäftigt. Dazwischen liegen nur wenige Wochen Pause, die sie intensiv nutzen: Zu Hause pressen sie mit ihrer eigenen kleinen Anlage rund 2000 Liter Apfelsaft. Wir konnten ihn auf der Hütte selbst probieren. Auch Räucherspeck wird in dieser Zeit hergestellt.
„Also ihr kommt aus der Saison nach Hause, macht direkt Apfelsaft, wascht die gesamte Bettwäsche der Hütte und bereitet dann den Weihnachtsstand vor. Erst ab dem 7. Januar ist dann wirklich ‚frei‘ – und eigentlich beginnt da schon wieder die gedankliche Vorbereitung auf die nächste Hüttensaison?“, fragte ich. Die Familie nickte zustimmend und lächelnd.
Im Winter werden vor allem private Angelegenheiten erledigt und sich um das Zuhause gekümmert. Isabella arbeitet in der Skischule und fährt mit ihren Brüdern im Urlaub selbst Ski.
Doch neben all der Arbeit und Organisation ist es vor allem die innere Haltung, die das Leben auf der Hütte prägt. „Man muss das Hüttenleben leben und lieben. Ohne eine Familie, die zusammenhält, wäre das kaum denkbar. Mit Angestellten ist es deutlich schwieriger. In der Familie zieht man gemeinsam durch und verlässt sich anders aufeinander.“, sagt Roland. „Es ist ein Geben und Nehmen. Das gibt Kraft und macht Freude. Manchen, die im Büro sitzen, fehlt das“, ergänzt er.
Im Winter sehen sie viele Menschen aus dem Dorf kaum, die sie sonst auf der Hütte regelmäßig treffen. Wenn die Saison wieder beginnt, ist die Freude umso größer, sich wiederzusehen. Während ihres Aufenthalts auf der Hütte bekommen sie von vielen Dingen in der Welt wenig mit. So arbeitete Roland während der Anschläge vom 11. September auf der Hütte, ohne davon zu erfahren. Am 15. September besuchte ihn eine Bekannte zu seinem Namenstag und erzählte von den Ereignissen in New York. „Welche zwei Flugzeuge? Wovon redest du?“, fragte er überrascht. Es habe sich angehört wie aus einem Film.
„Alles Wichtige erreicht uns mit Verzögerung und alles, was nicht wichtig ist, berührt uns auch nicht.“
Vielleicht ist genau das, das Geheimnis dieses besonderen Ortes.
Euer Freundeskreis, Gespräch mit Familie Gruber; Text: Sophie Waltschew
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