© Sophie Waltschew

Hüttengeschichten – Teil 2

Wenn das Hüttenleben überraschende Geschichten schreibt

19.04.2026

Manche Geschichten entstehen auf der Hütte ganz von allein und manchmal weiß selbst die Hüttenfamilie nicht, was auf sie zukommt.

 

So wurde eines Tages ein „Singletreffen“ auf der Hütte angekündigt, ohne dass die Familie vorher gefragt wurde oder überhaupt davon wusste. Sie erfuhren davon aus der Zeitung. Als Gäste nachfragten, was es damit auf sich habe, konnten sie nur schmunzelnd antworten: „Kommt einfach vorbei und schaut selbst.“ Dabei war die Familie selbst gespannt, was sich die Initiatoren ausgedacht haben. Am Nachmittag waren gerade einmal sieben Personen da. Isabella hatte sich schon gefragt, was das wohl werden solle. Doch am Abend wurde es plötzlich voll. 60 bis 70 Menschen fanden sich ein, einige stiegen sogar nachts um zwei oder drei Uhr wieder ins Tal ab. In den Tagen danach wurde im Dorf viel darüber gesprochen, doch außer denen die dabei waren, wusste niemand so richtig, was dort eigentlich passiert war.

 

Auch bekannte Alpinisten machten immer wieder Halt an der Chemnitzer Hütte. So kam Hans Kammerlander während seiner 24- oder 36-Stunden-Touren mit Gruppen teilweise erst mitten in der Nacht gegen ein oder zwei Uhr an. Sobald die Lichterkette aus Stirnlampen am Horizont zu erkennen war, begann für die Familie die Arbeit: Für bis zu 50 Personen wurde ein komplettes Drei-Gänge-Menü zubereitet und das, eben mitten in der Nacht. Teilweise gab sogar eine Ernährungsberaterin das Menü im Voraus vor. Viele Gäste waren so erschöpft, dass sie beim Essen einschliefen. Nach etwa einer Stunde zogen sie weiter. Kammerlander selbst blieb oft noch einige Stunden, bis früh um vier, trank Enzian und rannte dann seiner Gruppe hinterher.

 

Im Jahr 2024 gab es eine Situation, die auch in Erinnerung blieb: Eine Frau war allein auf der Hütte und hatte wenig Erfahrung mit dem Hüttenleben. Als plötzlich 16 Kinder ankamen, bekam sie es mit der Angst zu tun. Ein italienischer Pfarrer war mit ihnen unterwegs. Die Frau fragte sich, wo all die Kinder schlafen und was sie essen sollten. Sie machte sich solche Sorgen, ohne darauf zu achten, ob es für die Hüttenfamilie überhaupt ein Problem darstellte. Es war für sie kein Problem, sondern Routine. Für die Dame lief am Abend alles erstaunlich ruhig ab: innerhalb weniger Minuten hatten alle ihr Essen, kein lautes Wort war zu hören. Sie hatte sogar nach wie vor ein Einzelzimmer.

Die Kinder wussten genau, was zu tun war, hängten ihre nassen Sachen auf und kümmerten sich selbstständig um ihr Equipment. Anna fragte den Pfarrer: „Wo haben Sie diese militärische Disziplin und Ausbildung gelernt?“ Seine Antwort kam prompt: „Von meiner Mama!“ Alle lachten.